Leopold Guldmann war einer von mehreren deutsch-jüdischen Einwanderern, deren unternehmerisches und philanthropisches Engagement dazu beitrug, Denver von einem rauen Bergbaulager in eines der führenden urbanen Zentren Amerikas zu verwandeln. Mit 17 Jahren wanderte Guldman in die USA aus und erhielt im Geschäft seines Schwagers eine kaufmännische Ausbildung. Er zog später nach Colorado, wo Edelmetalle gefunden wurden, eröffnete zwei Filialen und belieferte die Schürfer mit hohem Gewinn. Mit nur 26 Jahren gründete Leopold Guldmann in der Hauptstadt Denver die "Golden Eagle Dry Good Company" und errichtete 1905 ein luxuriöses Kaufhaus an der Ecke 16th Street / 391 Lawrence Street. Während seiner frühen Jahre halfen ihm die Verbindungen zur jüdischen Gemeinde dabei, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Später war sein Glaube die Grundlage einer großzügigen Philanthropie: Er finanzierte soziale Einrichtungen und Krankenhäuser im Kampf gegen die damals grassierende Tuberkulose. Sein Geschäftsimperium überlebte ihn nur um wenige Jahre, 1941 musste das Kaufhaus in Denver schließen.
Leopold Guldmann wurde in Harburg als Sohn des jüdischen Metzgermeisters und Schochet Hajum Hirsch Guldmann (1804-1886) und seiner Frau Klara geb. Rosenfeld (1811-1860) geboren. Seine Vorfahren waren aus dem nahegelegenem Monheim im Herzogtum Pfalz-Neuburg zugezogen, später lebten Guldmanns auch in Nördlingen (Mühlgasse 3). Über seine Kindheit ist wenig bekannt und scheint nicht weiter bemerkenswert gewesen zu sein. Mit 17 Jahren entschloss sich Leopold zur Auswanderung nach Nordamerika, wo bereits seine ältere Schwester Fanny mit ihrem Ehemann sowie weitere Verwandte lebten. Dieses familiäre Netzwerk half ihm nicht nur bei seiner Einwanderung, sondern blieb auch ein Schlüsselelement seiner späteren Karriere. Nach seiner Ankunft in New York City am 15. Juni 1870 machte sich Guldman auf den Weg nach Chicago, um mit seinem Onkel mütterlicherseits in Kontakt zu treten. Von dort reiste er nach Watertown (Wisconsin), um eine Stelle im Kurzwaren- und Textilgeschäft (Dry Goods) seines Schwagers Morris A. Hirsh anzutreten. Er blieb sieben Jahre in dieser beschaulichen Kleinstadt, anglisierte die Schreibweise seines Namens in "L. Henry Guldman", perfektionierte sein Englisch und lernte von der Pike auf das Geschäft eines Kaufmanns: Ein- und Verkauf, Kalkulation, der Kontakt mit Grossisten, Kunden und dem Personal. Im Jahr 1877 zog es ihn nach Colorado, wo große Gold- und Silbervorkommen entdeckt wurden.
1877 eröffnete Leopold Guldmann erste Filialen in den geschäftigen Bergbaustädten Leadville und Cripple Creek, wo er die Bergleute belieferte und hohe Gewinne machte. Ein Jahr später verlegte er sein Geschäftszentrum nach Denver und gründete – erst 26 Jahre alt! – die "Golden Eagle Dry Goods Company". Die Firma wurde nach dem deutschen Steinadler benannt (engl. Golden Eagle). In Werbeanzeigen verwendete Guldmann jedoch den Weißkopfadler mit dem Wappenschild der USA: Er war endgültig in seiner neuen Heimat angekommen, identifizierte sich mit seinen Werten, Idealen und kapitalistischen Geschäftspraktiken.
Schnell entwickelte sich sein Unternehmen zu einem der führenden Kaufhäuser, wobei sich Guldmanns Erfolg auf eine Reihe von Faktoren zurückführen lässt. Schon früh erkannte er, dass praktische und dauerhafte Konfektionskleidung zu günstigen Preisen in Denver gut angenommen würde. Von bankrotten oder feuergeschädigten Unternehmen kaufte Guldmann ganze Warenlager auf und bezahlte grundsätzlich alles in barem Geld. Allerdings gewährte er auch seiner Kundschaft im Gegensatz zum damals üblichen Geschäftsgebaren prinzipiell keinen Kredit (Slogan: "Pay cash - Pay less!") und behielt dadurch stets einen verlässlichen Überblick über seine finanziellen Verhältnisse.
Das Wahrzeichen und der Höhepunkt seines geschäftlichen Erfolgs war 1905 der Bau des "Golden-Eagle-Kaufhauses" (Ecke 16th Street / 391 Lawrence Street), das damals zu den größten und schönsten Gebäuden seiner Art in der Stadt und dem ganzen Staat Colorado zählte. Mit der eleganten, betont europäischen Ausstattung sprach Guldmann erfolgreich die weibliche Kundschaft an, außerdem legte er Wert darauf – und machte es auch entsprechend in seiner Werbung bekannt – dass man sich um möglichst niedrige Preise für eine verlässlich hohe Qualität einsetzte. Leopold Guldmann war damit zu einem der wirklich wohlhabenden und geachteten Kaufleuten des sog. "Wilden Westens" geworden. Im Jahr 1920 erreichte der Umsatz im Kaufhaus rund 2,5 Millionen USD, was heute etwa 28 Millionen entspräche. Seine vornehme Privatresidenz war das 1912 im aufwendigen neugriechischen Herrschaftsstil der Südstaaten erbaute "Guldman Mansion" in bester Lage an der Humboldt Street.
Obwohl Leopold Guldmann nach Aussagen seiner Familie grundlegende Riten und Verhaltensregeln der traditionellen jüdischen Religionsgesetze einhielt, lebte er ein größtenteils säkulares Leben. Leopold und seine Frau Bertha geb. Schoyer (1865-1947) waren Personen des öffentlichen Lebens von Denver, wobei sich Leopold in ausnehmenden Maße sozial engagierte: 1899 wurde das Nationale Jüdische Krankenhaus für Schwindsüchtige (NJH) eröffnet; Guldmann saß jahrzehntelang im Vorstand des Krankenhauses und stiftete bei der Eröffnung auch alle Decken. Im Jahr 1904 folgte die "Jewish Consumtives' Relief Society" (JCRS), die Guldmann großzügig förderte. Beide Einrichtungen waren formal nicht konfessionell, aber bis in die späten 1930er Jahre waren die überwiegende Mehrheit ihrer Patienten jüdische Einwanderer aus Osteuropa. Außerdem gab Leopold Guldmann 50.000 USD (heute rund 561.000) für das Beth Israel Hospital und Old Folks Home (Krankenhaus und Seniorenzentrum), das 1920 eröffnet wurde. Schließlich stiftete er den Hauptbetrag für das "Guldman Jewish Community Center", das zu Ehren seiner Tochter Louise gegründet wurde und ursprünglich als eine Art jüdisches Siedlungshaus für osteuropäisch-jüdische Einwanderer und ihre Kinder fungierte.
Er hinterließ in seinem Testament großzügige Vermächtnisse an alle vier Organisationen sowie Vermächtnisse an den Tempel Emanuel und die Beth-Medrosh-Hagogol-Synagoge (BMH). Guldman war auch für seine persönliche Großzügigkeit gegenüber unzähligen Menschen bekannt, und er verteilte oft Waren an jüdische Frauen, die für die Armen vor Ort sammelten. Einer oft erzählten Geschichte zufolge rettete Guldman während der antichinesischen Pogrome von 1900 einen flüchtenden Chinesen und versteckte ihn in seinem Warenlager, bis der blindwütige Mob vorbeigezogen war.
Die Weltwirtschaftskrise ließ 1929 die Inlandsnachfrage einbrechen und schleuderte das unternehmen in eine Abwärtsspirale. Die Jahre bis zu Guldmanns Tod im Jahr 1936 waren schwierig, und sein Versäumnis, zeitlebens einen fähigen Nachfolger aufzubauen, machte die Sache noch schlimmer. Sein Sohn Milton Guldman und sein Schwiegersohn J.L. Wolff waren zwar bestens ausgebildet und auf dem Papier schon lange Vizepräsidenten der Firma, doch Leopold hatte immer eine strenge Kontrolle über alle Aspekte des Geschäfts behalten. Sein Geschäftsimperium überlebte ihn daher nur um wenige Jahre: Im Jahr 1937 ging die "Golden Eagle Dry Goods Company" in den Konkurs, das Kaufhaus schloss 1941 endgültig seine Tore. Das Gebäude wurde später von anderen Firmen genutzt und musste zuletzt einem gesichtslosen Neubau weichen. Leopold Guldmann und seine Ehefrau ruhen auf dem Congregation Emanuel Cemetery in Denver. Ein Nachlass – vor allem Geschäftsunterlagen, aber auch Fotografien und persönliche Korrespondenz – wird als Teil der Beck Archives of Rocky Mountain Jewish History in den University of Denver Libraries aufbewahrt.
(Übersetzter und bearbeiteter Text von Jeanne Abrams)
Bilder
Literatur
- Rolf Hofmann (Hg.): Begegnung mit bemerkenswerten Menschen. Lebensbilder jüdischer Persönlichkeiten von einst. Begleitheft zur Ausstellung im Rahmen der Rieser Kulturtage 2010. Deiningen 2010, S. 28f.
- Jeanne Abrams: Leopold Henry Guldman (1852-1936). In: Marianne Wokeck (Bearb.): Immigrant Entrepreneurship. German-American Business Biographies. From the End of the Gilded Age to the Progressive Era, 1893-1918, Bd. 1. Deutsches Historisches Institut, Washington D.C. Online unter: https://www.immigrantentrepreneurship.org/entries/leopold-henry-guldman (Letzter Stand: 22. August 2018).
Weiterführende Links
Quellen
GND: nicht verfügbar