Biografien
Menschen aus Bayern

Julius Wolfgang Schülein (Schuelein) Kunstmaler und Graphiker

geboren: 28.05.1881, München
gestorben: 25.11.1970, New York City

Wirkungsort: München

Julius Wolfgang Schülein studierte Jura, bevor er sich der Malerei zuwandte. Schülein ist Gründungsmitglied und ein bedeutender Vertreter der Neuen Münchner Sezession, einer Variante des Impressionismus. Von 1908 bis 1930 arbeitete er in einem Schwabinger Atelier in der Leopoldstraße 21 und wohnte nahebei in der Trautenwolfstraße. Sein Oeuvre wurde durch intensive Naturerfahrungen beeinflusst. Julius Schülein präsentierte seine Bilder auf internationalen Ausstellungen und gewann das Lob seiner Kritiker. Sein bedeutenstes Gemälde "Beim Bahnhof Montparnasse" befindet sich heute in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus. Gemeinsam mit seiner Frau Suzanne Carvallo-Schülein (1883-1972) und Tochter Katharina zog er zunächst nach Berlin und wanderte 1933 nach Frankreich aus. Im Jahr 1941 floh die Familie in die USA. Die Akademie der Künste in München verlieh ihm 1951 die Ehrenprofessur.

Julius Wolfgang Schülein wurde am 28. Mai 1881 als Sohn der "gesicherten bürgerlichen" Eheleute Johanna geb. Kraemer und Josef Schülein (ein Vetter des Brauereibesitzers Josef Schülein) in der Münchner Sonnenstraße geboren. Seit 1885, nach dem Freitod seines "tief depressiven" Vaters, wuchs er im Kreis der mütterlichen Familie auf. In einer 1967 erschienen autobiographischen Skizze seiner Kindheit beschrieb Schülein eine durchaus glückliche Kindheit. Allerdings musste er allzu bald im Alltag erfahren, dass "es als Schönheitsfehler galt, Jude zu sein, und schmerzlich fühlte das empfindliche Kind [er selbst], dass da ein feindliches Hemmnis auf seinem Lebensweg lag, das es in dem freien Gebrauch seiner Fähigkeiten hinderte, ganz unbegreiflicherweise und unverdientermaßen wie es ihm schien".

In seiner Kinder- und Jugendzeit prägten ihn die Literatur und Natureindrücke, die er aus der Münchner Voralpenlandschaft empfing, aber auch auf Reisen nach Italien, Belgien und in die Schweiz. Von den ersten Begegnungen mit den bildenden Künsten berichtet er: "Noch ein Kind, sah ich in München die jährlichen Kunstausstellungen im Glaspalast".

Nach Abschluss des Gymnasiums studierte Schülein ab 1900 in München und Berlin Jura und legte in vier Jahren sein Examen ab. Während seines Studiums hatte er auch philosophische und kunsthistorische Vorlesungen besucht. Sein eigentliches Interesse galt jedoch immer der schaffenden Kunst, sei es nun als Schriftsteller oder als Maler. Von 1904 bis 1907 studierte Schülein bei Hugo von Habermann (1849-1929), einem Gründungsmitglied der Neuen Sezession. Im Frühjahr und Herbst 1908 unternahm er Studienreisen nach Paris, die sein weiteres Schaffen maßgeblich beeinflussten. Er schloss sich der Malschule La Palette in der Rue de vale de Grace an, wo er die Malerin und Fotografin Suzanne Carvallo (1883-1972), Tochter einer alteingesessenen französisch-sephardischen Familie kennen lernte. Sie heirateten 1912 in München.

Schon im Sommer 1909 hatte Julius Schuelein mit seinem Bild "Die Seine bei Anteuil" an der Internationalen Ausstellung im Glaspalast in München teilgenommen. Er stellte in der renommierten Galerie Heinemann am Lenbachplatz aus und wurde 1912 Grundungsmitglied der interdisziplinären Künstlergruppe "Sema", der auch Max Oppenheimer, Armin Haag, Paul Ludwig Troost und Paul Klee angehörten. Kritiker lobten Schueleins individuellen Stil, der "auch ohne die allgemeine impressionistische Schablone und ohne die gewaltsame Verzerrung [sic] doch noch ernste moderne Kunst schaffen lässt". In den Jahren vor und nach dem ersten Weltkrieg gehörte Julius Schuelein zu den gefragten und anerkannten jungen, modernen Münchner Künstlern. Ausstellungen in den Galerien Caspari, Thannhauser und Heinemann waren Ereignisse der Münchner Kulturszene. Als am 27. November 1913 die Münchner Neue Sezession entstand, gehörte Schuelein zu den Gründungsmitgliedern.

Anregungen für sein künstlerisches Schaffen erhielt Schuelein auf ausgedehnten Reisen, die dem Künstler wie schon in seiner Kindheit zu zentralen Ereignissen seines Lebens wurden. Seine impressionistischen, leuchtenden Landschaftsbilder zeigte er in zahlreichen Ausstellungen, beispielsweise in Porto Maurizio (1912), in Paris (1927), Hannover (1928), Stockholm und Stuttgart (1930). Künstlerischer Mittelpunkt blieb ihm jedoch seine Heimatstadt München, noch immer ein internationales Zentrum der (Lebens-)Künstler und Bohemiens.

Das Erstarken des Nationalsozialismus warf seine Zeichen voraus. Julius Schülein verkündete am 7. Januar 1930 den Austritt aus dem "Gau München" des Reichsverbandes Bildender Künstler Deutschlands e.V. und siedelte nach Berlin über. Auch hier fühlte er sich nicht mehr willkommen. Im März 1933 zeigte er seine letzte Ausstellung in Deutschland. Am 1. April (dem Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte und Einrichtungen) floh Schülein mit seiner Frau und der 1916 geborenen Tochter Katharina kurz entschlossen aus Hitler-Deutschland: "An der belgischen Grenze sah ich zum ersten und letzten Male die Mordgehilfen Hitlers. Sie kamen in unseren Zug, prüften unsere Pässe und riefen mich heraus. [...] Sie hielten mich scheinbar für meinen Vetter Hermann Schülein, den Direktor der großen Löwenbrauerei in München. Aber nachdem sie konstatieren mussten, dass ich nur ein Maler war, durfte ich in den abfahrenden Zug zurückkehren". Sechs Jahre lebte die Familie in frankreich unterstützt von den Schwiegereltern. Neben seiner intensiven Malerei verfasste Schülein eine Reihe kunsttheoretischer Manuskripte, so etwa "Die 10 Gebote des Malers", "Gespräche in Montauban" oder "Über die Begriffsverwirrung in der neuen Kunsttheorie".

In Frankreich trat Schuelein der "Union des Artitsts Juifs" bei, der jüdischen Künstlervereinigung. 1935 stellte er im spanischen Museo de Tossa de Mar sowie in den Pariser Galerien Pittoresque und Guy Stein aus. 1938 waren seine Werke in der Galerie Jean Racine zu sehen, 1939 beim "XVIe Salon de Touleries" und in Tel Aviv. Der Einmarsch der Wehrmacht und die schnelle Kapitulation Frankreichs beendete diese halbwegs glückliche Zeit. Julius Schuelein wurde mehrmals in französischen Konzentrationslagern inhaftiert, bis ihm 1941 über Madrid die Flucht in die USA gelang.

Die materialistische Mentalität des Landes blieb ihm fremd. Dennoch wurde er US-amerikanischer Staatsbürger, änderte die Schreibweise seines namens in "Schuelein" und schloss sich der "Associated American Artist Inc." an. Es folgten Ausstellungen in New York und Pittsburgh. Seit 1948 unternahm er regelmäßige Reisen nach Europa, die ihm erneut Anregungen für sein künstlerisches Spätwerk gaben.

1951 verlieh ihm die Akademie der Künste in München die Ehrenprofessur. Mit 89 Jahren verstarb Julius Schuelein in New York: "Wenn ich bedenke, dass ich von Natur aus zu Pessimismus und Depression neige, und dass ich in einer revolutionären Zeitepoche gelebt habe - so muss ich sagen: Trotz allem, es war ein buntes, heiteres, trauriges und köstliches Abenteuer".

Drei Jahre nach seinem Tod erinnerte eine Retrospektive in New York und München an das Gesamtwerk des Malers. Die Sammlung der Städtischen Galerie München im Lenbachhaus besitzt mehrere Werke von Julius Schuelein, Teile seines Nachlasses bewahrt die Monacensia im Hildebrandhaus. In seiner Heimatstadt München wurden ihm außerdem 1973 (Lenbachhaus) und 2016 (Gemeindezentrum der IKG) große Ausstellungen gewidmet.


Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 273-279.


(Fritz Armbruster)

Literatur

  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 546.
  • Reinhard Bauer: Schwabing leuchtet. Geschichte, Kultur und Wirtschaft. München 2004, S. 23f.
  • Fritz Armbruster: Julius Wolfgang Schuelein (1881-1970), Maler. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd.2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 273-279.
  • Städtische Galerie im Lenbachhaus (Hg.) / Armin Zweite u.a.: AK Julius W. Schülein (1881–1970). Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Druckgraphik. München 1973.

GND: 117751472