Biografien
Menschen aus Bayern

Joseph Schloßmann Textilkaufmann

geboren: 17.04,1860, Wiesenfeld
gestorben: 04.01.1943, Theresienstadt (Terezín)

Wirkungsort: Lohr a. M. | Landshut | Berlin

Der Werdegang von Joseph Schloßmann ist ein Beispiel für viele deutsche Juden, die sich erfolgreich in der Gesellschaft etablierten und zum Wohle der Allgemeinheit einbrachten. Schlossmann wuchs in Lohr am Main auf, ging 1882 nach Landshut und zog mit seiner Familie von 1886 bis 1894 in die USA. Nach seiner Rückkehr baute er in Berlin ein erfolgreiches Textilunternehmen auf. Seiner alten Heimatstadt blieb Schloßmann eng verbunden, er unterstützte viele karitative und öffentliche Projekte. 1930 erhielt er zum Dank die Ehrenbürgerschaft. In der NS-Herrschaft wurde sein Wirken verleugnet und sein Unternehmen 1938 "arisiert". Er starb als gebrochener Mann im Getto Theresienstadt.

Joseph Schloßmann kam in der kleinen jüdischen Gemeinde in Wiesenfeld zur Welt. Neben zwei Schwestern (Fanny 1858-1942 und Sophie ?-1938) blieb er der einzige Sohn. Als Joseph ein knappes Jahr alt war, fielen die alten Beschränkungen des Judenedikts von 1813. Mit dem neuen Recht der freien Berufs- und Wohnortswahl zog die Familie 1861 in das nahe gelegene Städtchen Lohr am Main um, wo der Vater Isaak Schloßmann (Daten unbekannt) eine Lederwarenhandlung eröffnete und im lauf der Jahre mehrfach in den Vorstand der Kultusgemeinde gewählt wurde. Mit 15 Jahren gehörte Joseph Schloßmann zu den Mitbegründern der Turngemeinde Lohr 1875, der 1937 mit dem TSV Lohr zwangsvereinigt wurde. Nach dem Besuch der Volksschule machte Joseph eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und ging 1882 als Kleiderhändler nach Landshut. Auch diese Stadt war dem ambitionierten Jung-Kaufmann noch zu klein. Er emigrierte 1886 in die USA, wo er bei verschiedenen großen Textilfirmen arbeitete und es zu Wohlstand brachte. 1894 kehrte er nach Deutschland zurück und lebte fortan in Berlin, wo er mit der Firma "Hansa" ein erfolgreiches Textilunternehmen aufbaute.

Mit seiner 1881 geheirateten Frau Minna geb. Baruch (1861-1926) hatte er fünf Kinder: Ludwig Bernhard (1881-1954), Arthur (1884-1950), Cäcilie "Cilly" (1887-1973), Irma (1888-1971) und Meta (1894-1965). Die beiden jüngsten Töchter hatten durch ihre Geburt in den USA eine amerikanische Staatsbürgerschaft.

Joseph Schloßmann pflegte weiterhin Kontakt zu Lohr und unterstützte dort finanziell bedürftige Bürger aller Konfessionen. Er war ein Mitfinanzier des kommunalen Kriegerdenkmals und bezahlte die Statue des Auferstandenen Christus aus eigener Tasche. 1927 spendete er den nötigen Betrag von 700 RM, um eine vom langen Gebrauch zerschlissene Torarolle wiederherzurichten. Für sein soziales Engagement erhielt er 1930 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Lohr. Einen Tag später wurde an seinem Geburtshaus in Wiesenfeld eine Gedenktafel enthüllt. Die Straße vor seinem Geburtshaus, heute Schloßmannsgasse 5, wurde ihm zu Ehren benannt. Die Ehrenbürgerschaft von Lohr wurde ihm 1934 von den Nationalsozialisten aberkannt, das Berliner Unternehmen 1938 "arisiert". Die NS-Machthaber gingen soweit, den "Judenchristus" am Kriegerdenkmal abzubauen.1941 musste Schlossmann seine Wohnung in Berlin räumen und in das "Judenhaus" in der Bamberger Straße ziehen. Seine fünf Kinder konnten nach 1933 aus Deutschland fliehen und gründeten in den USA, Schweden, Kanada, England und Südafrika eigene Familien.

Mitte August 1942 wurde Joseph Schloßmann mit einem Altentransport in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er am 4. Januar 1943 im Alter von 82 Jahren starb.

Noch im Jahr 1945 wurde der von ihm finanzierte "Judenchristus" wieder in das Kriegerdenkmal eingesetzt. 1985 bestätigte die Kommune Schloßmanns Ehrenbürgerschaft und die Schloßmannsgasse bekam wieder ihren alten Namen. Sein Porträt fand in der Ehrenbürgergalerie im neuen Rathaus Platz. In Berlin erinnert eine Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee und seit 2013 ein Stolperstein vor der Claudiusstraße 5 an den Lohrer Ehrenbürger. Im September 2019 wurde in Anwesenheit von Schloßmanns US-amerikanischer Urenkelin Maude Björkl eine Gedenktafel für den ehemaligen und neuen Ehrenbürger der Stadt eingeweiht. Die Initiative dazu ging vom Lohrer Geschichts- und Museumsverein aus. Zuletzt wurde zu seinem Gedenken im September 2022 der neu geschaffene Aussichtspunkt am Sendelbacher Buchenberg "Schloßmannsblick" benannt.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Wolfgang Vorwerk: Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938: Das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger Lohrs im Nationalsozialismus. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt und des Raumes Lohr. Lohr a.M. 2018 (= Schriften des Geschichts und Museumsvereins Lohr a.Main e.V. 61), S. 241-346, hier: 296-303.

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