Biografien
Menschen aus Bayern

Johanna Oppenheimer Malerin

geboren: 17.07.1872, Frankfurt am Main
gestorben: 23.12.1942, Theresienstadt (Terezín)

Wirkungsort: München | Schöngeising

Die in Frankfurt geborene jüdische Malerin Johanna Oppenheimer stammte aus einer wohlhabenden Familie. Als sich ihr Vater Adolf Oppenheimer in Würzburg niederließ, ermöglichte er seinen drei Töchtern ein außergewöhnliches Maß an Eigenständigkeit. Johanna konnte nach München ziehen und dort eine Ausbildung zur Malerin absolvieren. Sie wurde Mitglied im Deutschen Künstler-Verband und hielt sich ab 1919 immer häufiger in Schöngeising (Lkr. Fürstenfeldbruck) auf, wo sie mit der Musikerin Else Hoffmann und dem Musikpädagogen Heinrich Scherrer eine Lebensgemeinschaft bildete. Johanna Oppenheimer ist ein typisches Beispiel für die weniger bekannten Künstlerinnen, die im ländlichen Bayern den Hauch der weiten Welt verbreiteten.

Johanna Oppenheimer stammte aus einem großbürgerlichen jüdischen Milieu. Ihr Vater Adolf (Aron) Oppenheimer (1832-1904) aus Oberingelheim am Rhein war Kaufmann. Die Familie der Mutter Recha geb. Hamburger (1844-1921) lebte in Hanau. Nach der Hochzeit 1867 siedelte sich die junge Familie Oppenheimer offenbar in Paris an, denn hier kamen die beiden älteren Töchter Klara (1867-1943) und Cäcilie (1869-1937?) zur Welt. Johanna war die jüngste, ihre Geburt wurde am 17. Juli 1872 in Frankfurt angezeigt. Seit 1875 wohnte die Familie in Würzburg, Adolf Oppenheimer erwarb mehrere Häuser in der Sophienstraße mit dem daran anschließenden Eckhaus zur Friedensstraße 26, in das die Familie 1890 selbst einzog. Cäcilie heiratete den englischen Arzt Dr. Henry Hughes, ließ sich später scheiden und heiratete in Großbritannien erneut. Ihre Kinder sind nach 1945 die einzigen überlebenden Familienmitglieder der Oppenheimers. Die ältere Tochter Klara absolvierte 1889 das Lehrerinnenexamen, holte das Abitur nach und studierte 1906-1912 als eine der ersten zugelassenen Studentinnen an der medizinischen Fakultät in Würzburg. Als erste Frau öffnete sie 1918 in Würzburg eine Praxis für Säuglings- und Kinderkrankheiten. 

Über Johannas Jugend ist nichts bekannt. Sicherlich hat sie die Israelitische Volksschule und danach wohl auch das Würzburger Mädchenlyzeum besucht. Auch ihr Werdegang bis 1900 liegt im Dunklen. Vielleicht hat sie an einer privaten Kunstschule im In- oder Ausland studiert. Im Jahr 1900 erschien sie in München und schrieb sich dort an der Malschule des Damen-Akademie des Künstlerinnen-Vereins ein (Barerstraße 21). An der Akademie der Bildenden Künste München waren von 1852 bis 1920 keine Frauen mehr zum Studium zugelassen. 1910 schied sie aus der Malschule aus und versuchte sich als professionelle Malerin. Sie wurde Mitglied im gerade erst gegründeten Deutschen Künstler-Verband, der sich als Gegenbewegung zu den jurierten Akademiemalern als Sprachrohr jener Künstler*innen verstand, die nicht im Glaspalast ihre Werke Ausstellung konnten („Die Juryfreien“). Bis 1919 wohnte Johanna Oppenheimer in der Schellingstraße 76, im Herzen von Münchens Künstlerviertel Schwabing, hielt sich aber auch immer wieder im elterlichen Haus in Würzburg auf, dann zog sie nach Schöngeising. 1921 beteiligte sie sich an einer Ausstellung in der Würzburger Schrannenhalle, 1924 in Fürstenfeldbruck.

Das beschauliche Schöngeising hatte sich zu einer kleinen Künstlerkolonie entwickelt, vergleichbar den Orten Dachau und Murnau. Johanna Oppenheimer lernte ihn mit ihrer Münchner Freundin, der Lautenspielerin Else Hoffmann während der Sommerfrische kennen. 1923 ließen sie sich vom lokalen Ingenieur Rudolf Krallinger eine Villa im biedermeierlichen Stil errichten. Das Anwesen, die „Hoffmann-Villa“ gehörte Else Hoffmann, eine Laube im Garten beherbergte Oppenheimers Atelier. 1937 zogen die Freundinnen, in das „Scherrerhaus“ des verstorbenen Musikers Heinrich Scherrer, mit dem die beiden Frauen eine Art Lebensgemeinschaft führten. Danach führte die zierliche, schweigsame Malerin der geselligen, extrovertierten Musikerin den Haushalt. Johanna Oppenheimer entwarf zu weihnachtlichen Aufführungen der Dorfgemeinschaft die Kostüme, Plakate und Bühnenbilder, begeisterte auch einige Schöngeisinger Kinder nachhaltig zum Malen und unterrichtete sie in Englisch und Französisch. Außerdem kümmerte sie sich um hilfsbedürftige Menschen der Umgebung und beschenkte die zumeist armen Kinder des Ortes zu Weihnachten. 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verschärfte sich auch im ländlichen Schöngeising die Situation. Am 5. Juli 1935 meldete die gleichgeschaltete NS-Ortsverwaltung an das Bezirksamt, dass sich als einzige Jüdin mit „fremder Staatsangehörigkeit“ (weil in Frankfurt geboren!) Johanna Oppenheimer im Schöngeisinger Gemeindebezirk aufhalte. Der systematische Ausschluss von Oppenheimer aus der Ortsgemeinschaft war spätestens mit der Kennzeichnung durch den gelben Stern für jeden sichtbar. Bei der Renovierung des Scherrer-Hauses half eine Frau aus dem Ort, was Oppenheimer und Hoffmann zu ihrer Sicherheit ängstlich geheim halten wollten. Am 29. März 1942 musste sich Johanna Oppenheimer im Sammellager Milbertshofen einfinden, wurde noch einmal wegen Überfüllung für einige Tage heimgeschickt, dann musste sie dortbleiben. Die inzwischen 70jährige Malerin verbrachte zwei Monate in Milbertshofen oder in einem anderen Lager, dann wurde sie nach Theresienstadt verschleppt, wo sie am 23. Dezember 1942 an der Ruhr verstarb.

Der Nachlass von Johanna Oppenheimer blieb zunächst im Haus von Else Hoffmann unangetastet. Nach deren Tod 1947 gingen nach und nach das Mobiliar und der künstlerische Nachlass verloren. Die meisten der erhaltenen Bilder Oppenheimers befinden sich heute in Privatbesitz. Die Hoffmann-Villa wurde 1991 abgerissen. Erst 1998/1999 organisierte das Stadtmuseum Fürstenfeldbruck in Zusammenarbeit mit Dr. Eva von Seckendorff eine Retrospektive: „Johanna Oppenheimer (1872-1942) – Schicksal und Werk einer jüdischen Malerin“, zu der auch eine Publikation erschien. 2013 wurde vor dem Scherrer-Haus ein Stolperstein verlegt. Eine Straße im Neubaugebiet von Schöngeising wurde ihr gewidmet, in Eichenau trägt ein kleiner Platz ihren Namen. Zum 80. Todestag von Johanna Oppenheimer organisierte der Kulturverein Schöngeising am 23. Dezember 2022 die musikalische Lesung „Ein gelber Stern geht durch das Dorf“ (Initiator Jupp Peters, Konzept Susanne Poller).


(Patrick Charell)

Bilder

Literatur

  • Katja Behling, Anke Manigold: Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900. Elisabeth Sandmann, München 2009, S. 97–99.
  • Eva von Seckendorff: Johanna Oppenheimer – Biografische Notizen. In: Stadt Fürstenfeldbruck / Angelika Mundorff / Renate Wedl-Bruognolo (Hg.): Johanna Oppenheimer (1872-1942) – Schicksal und Werk einer jüdischen Malerin. Fürstenfeldbruck 1998, S. 11-18.
  • Eva von Seckendorff: Johanna Oppenheimer – Die Künstlerin. In: Stadt Fürstenfeldbruck / Angelika Mundorff / Renate Wedl-Bruognolo (Hg.): Johanna Oppenheimer (1872-1942) – Schicksal und Werk einer jüdischen Malerin. Fürstenfeldbruck 1998, S. 21-28.

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