Jella Lepman wurde in eine jüdisch-bürgerliche Familie geboren. Nach dem frühen Tod ihres Mannes Gustav Horace Lepman (1877–1922) arbeitete sie als Journalistin und Kinderbuchautorin, musste jedoch 1936 mit ihren Kindern nach London emgrieren. Nach dem Sturz der NS-Diktatur kehrte sie als Kulturberaterin der US-Armee nach Deutschland zurück. 1946 initiierte sie die "Internationale Jugendbuchausstellung" mit Büchern aus 14 Ländern – ein Symbol internationaler Verständigung. Daraus entstand 1949 die Internationale Jugendbibliothek (IJB), die seit 1983 ihren Sitz in der Münchner Blutenburg hat. Lepman setzte sich zeitlebens für die Bildung und Friedenserziehung von Kindern durch Literatur ein. 1956 rief sie den Hans Christian Andersen Preis ins Leben. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz und der Goethe-Medaille geehrt. An sie erinnern Straßen in Stuttgart und München sowie die Jella-Lepman-Medaille.
Jella war eine von drei Töchtern des deutsch-amerikanischen Fabrikanten Josef Lehmann (1853–1911) und seiner Ehefrau Flora geb. Lauchheimer (1867–1940). Zusammen mit ihren zwei Schwestern wuchs sie in einem asimillierten, großbürgerlichen Umfeld auf, in dem ihre kulturelle Bildung sehr gefördert wurde. Nach der Schulzeit in Stuttgart – wo sie sich bereits journalistisch versuchte – lebte sie ein Jahr in einem Schweizer Internat bei Lausanne. 1913 heiratete Jella den deutsch-amerikanischen Fabrikanten Gustav Horace Lepman (1877–1922), mit dem Sie zwei Kinder bekam (Anne-Marie geb. 1918, Günther geb. 1921). Im ersten Weltkrieg kämpfte ihr Mann jedoch auf deutscher Seite und starb an seinen Kriegsverletzungen. So begann sie beim Stuttgarter "Neuen Tagblatt" zu arbeiten, wo sie eine auf weibliche Leser ausgerichtete Beilage einführte. In dieser Zeit veröffentlichte sie auch ihr erstes Jugendbuch mit dem Titel "Der verschlafene Sonntag" (1927) sowie das Theaterstück "Der Singende Pfennig" (1929). Nach der NS-Machtübernahme 1933 wurde ihr Vertrag auf Druck der Behörden aufgelöst; Jella Lepman emigrierte mit ihren Kindern 1936 nach London. Sie fand eine Anstellung als Archivarin bei der Universitätsbibliothek von Cambridge, nebenbei arbeitete sie im staatlichen Rundfunk BBC und anschließend bei der "American Broadcasting Station in Europe" (ABSIE), die Nachrichten in das besetzte Europa übermittelte. Im Exil veröffentlichte sie auf Deutsch die "Kinder vom Kuckuckshof" (1942) und ein Jahr später – unter dem Pseudonym Katherine Thomas – auf Englisch das essayistische Sachbuch "Women in Nazi Germany" (1944).
Nicht ganz freiwillig kehrte Jella Lepman kurz nach Kriegsende in ihre alte Heimat zurück. Als kulturelle Beraterin wurde sie im Hauptquartier der US-Armee stationiert, welches sich in Bad Homburg nahe Frankfurt a.M. befand. Von dort aus unternahm sie umfangreiche Informationsreisen durch die westliche Besatzungszone. Lepman woltle sich besonders für die Kinder engagieren und überzeugte die US-Behörden, eine Ausstellung der besten Kinder- und Jugendbücher zu genehmigen. Besondere Fördermittel gab es jedoch keine. Daher wandte sich Jella Lepman an Verlagshäuser in aller Welt und bat um Buchgeschenke: "Die deutschen Kinder haben so gut wie keine Bücher mehr, nachdem die Kinder und Jugendliteratur der Hitlerzeit ausgeschaltet wurde. Auch die Pädagogen und Verleger brauchen zu ihrer Orientierung Bücher aus der freien Welt. Die Kinder tragen keine Schuld an diesem krieg, deshalb sollen ihre Bücher die ersten Boten des Friedens sein!".
Jella Lepman lebte bereits ab Herbst/Winter 1945 in München und organisierte von dort aus die "Internationale Jugendbuchausstellung" mit mehr als 2000 Buchtiteln aus vierzehn Ländern – die erste internationale (Wander-)Ausstellung in Nachkriegsdeutschland. Von 1946 bis 1948 übernahm Lepman den Posten der stellvertretenden Chefredakteurin bei der Illustrierten "Heute", die in München von der US-Militärregierung herausgegeben wurde. Sie inspirierte Erich Kästner zu seinem pazifistischen Kinderbuch "Die Konferenz der Tiere" (1949), in der die Tierwelt den autokratischen Militarismus der Menschen überwindet. Im Jahr 1947 erhielt Lepman die britische Staatsbürgerschaft.
Die Bücher der Ausstellung bildeten den Grundstock der Internationalen Jugendbibliothek (IJB), die am 14. September 1949 in der Gartenvilla der Bayerischen Staatsbibliothek öffnete (Kaulbachstraße 11a). Im Gegensatz zu den herkömmlichen Bildungseinrichtungen konnten Kinder hier von allen Vorgaben unbehelligt Bücher oder Comics auswählen, lesen und besprechen. Das Programm der Bibliothek war seiner Zeit weit voraus und bestärkte die jungen Besucher darin, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten. Beispielsweise gab es Diskussionsrunden, internationale Besuche, ein großes Malstudio oder auch eine "Jugend-UN", mit der Kinder die Strukturen der UN-Konferenzen spielerisch nachempfinden konnten.
1952 initiierte sie eine Konferenz zur Völkerverständigung durch Kinderbücher, aus der 1953 das "International Board on Books for Young People" (IBBY) hervorging, eine Weltorganisation mit Sektionen in 74 Ländern. Seit 1956 zeichnet das IBBY jährlich die besten Jugendbücher mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis aus, wobei Jella Lepman bis 1960 in der Jury saß. "Sie übersetzte Richard Avedon, Truman Capote und Irving Penner [...] veröffentlichte während der 50er und 60er Jahre zwar einige verstreute Beiträge, legte aber mehr Gewicht auf ihre organisatorischen Bemühungen um die Verbreitung des Jugendbuchs sowie die Sammlung von Dokumenten kindlicher Weltauffassung, da sie der Überzeugung war, daß das Vertrauen auf den unverbildeten Instinkt des Kindes die beste Grundlage für die Heranbildung einer toleranteren und aufrichtigeren Generation sei" (Walter Scherf). Lepman leitete die Jugendbibliothek bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1957, ihren Lebensabend verbrachte sie in der Schweiz.
Jella Lepman erhielt das Bundesverdienstkreuz (1957), die Goethe-Medaille (1960) und den Hans-Christian-Andersen Preis (1956). Sowohl in Stuttgart wie auch München wurden ihr Straßen gewidmet. Im Jahr 1983 zog die IJB nach Schloss Blutenburg um. Eine Gedenktafel aus Bronze wurde dort neben dem Torturm angebracht, außerdem trägt ein Veranstaltungssaal ihren Namen. Seit 1991 verleiht das IBBY die Jella-Lepman-Medaille.
Persönlicher Dank geht an Julia Jerosch, Stiftung Internationale Jugendbibliothek, für die freundliche Unterstützung.
(Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Andrea Kästle: München leuchtete nicht für jeden. Was Gedenktafeln der Stadt verschweigen. München 2024, S. 192-194.
- Jella Lepman: Die Kinderbuchbrücke. München 2020.
- Anke Butter / Marianne Reetz: Die Kinderbuchbrücke. Die Anfänge der Internationalen Jugendbibliothek in der Münchner Nachkriegszeit (Flyer der IJB). München 2008, Nachdruck 2020.
- Sydelle Pearl: Books for Children of the World. The Story of Jella Lepman. London, New York u.a. 2007.
Weiterführende Links
- Ulla-Britta Vollhardt: Jella Lepman (NS-Dokuzentrum, Online-Lexikon)
- Bayerische Staatsbibliothek / Marlena Simmet: Jella Lepman (Literaturportal Bayern)
- Veronika Diem: Internationale Jugendbibliothek (Historisches Lexikon Bayerns)
- Walter Scherf: "Lepman, Jella". In: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 304-305.
Quellen
GND: 119008874