geboren: 06.08.1867,
New York City
gestorben: 27.05.1933,
Hochried/Murnau a. Staffelsee
Wirkungsort:
München | Zürich
James Loeb arbeitete nach seinem Studium an der Harvard University in der Familienbank "Kuhn, Loeb & Co.", wurde darin aber nicht glücklich. Ab 1906 lebte er dauerhaft in Bayern, verbrachte den Sommer in Murnau am Staffelsee und überwinterte in München. Sein Vermögen erlaubte es ihm, sich ganz der Förderung gemeinnütziger Einrichtungen zu widmen. Er finanzierte unter anderem die "Loeb Classical Library" an der Harvard University und das erste Münchner Wohnheim für Studentinnen ("Marie-Antonie-Haus"). Seine große Sammlung römischer, griechischer sowie etruskischer Kunst vermachte James Loeb fast zur Gänze den Münchner Antikensammlungen. Im Jahr 1921 heiratete er Marie Antonie Hambuechen (1866–1933) und adoptierte ihre vier Kinder. Loebs Landgut Hohenried bei Murnau ist heute eine Fachklinik für Kinder- und Jugendmedizin. Ihren Erhalt fördert seit 2011 die James Loeb Gesellschaft e.V.
James Loeb war der zweite Sohn und das dritte von vier Kindern des erfolgreichen New Yorker Bankiers Salomon Loeb (1829–1903), der ursprünglich aus Worms stammte, und der Pianistin Betty geb. Gallenberg (1834–1902). James wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Von 1884 bis 1888 studierte er an der Harvard University Finanzgeschichte, Volkswirtschaftslehre, Handelsrecht und Altphilologie. Anschließend arbeitete er mehr als zehn Jahre bei "Kuhn, Loeb & Co.", einer der bedeutendsten Privatbanken des Landes. Loeb wurde in diesem Beruf jedoch nicht glücklich, zeitlebens hatte er zudem mit Depressionen zu kämpfen. Um sich abzulenken, unternahm Loeb 1891 eine ausgedehnte Reise durch Skandinavien. Seine Rückkehr zum Bankwesen war nur von kurzer Dauer, denn schon im Januar 1902 hatte er wieder gesundheitliche Probleme. Diesen Zusammenbruch führte er auf zuviel Arbeit in der Bank, in der Politik und der Musik zurück. Im Jahr 1905 zog er nach Deutschland um, dessen Kultur er sehr schätzte. 1906 konsultierte Loeb in Wien den Psychologen Sigmund Freud, der ihm wohl eine Kur im "Stahlbad" bei Murnau empfahl, am Südufer des bayerischen Staffelsees. Wie so viele andere lernte James Loeb die Schönheit Bayerns kennen und lieben: In der Folgezeit wohnte er sommers am Staffelsee, winters in München. Loebs persönlicher Freund, der Architekt Carl Sattler, baute in Schwabing die stattliche Villa Loeb (heute Maria-Josepha-Straße 8).
James Loeb führte angesichts seiner Möglichkeiten ein sehr zurückgezogenes Leben und machte auch um seine Person kein großes Aufheben. Sein bedeutendes Vermögen erlaubte es ihm, sich ganz der Förderung wissenschaftlicher und philanthropischer Einrichtungen zu widmen. Gemäß der religiösen Verpflichtung des Judentums zur Nächstenliebe förderte er in den USA, aber auch in München und Murnau viele Bildungseinrichtungen sowie die öffentliche Gesundheitsfürsorge. James Loeb gründete das erste Münchner Studentinnen-Wohnheim "Marie-Antonie-Haus" (Kaulbachstraße 49). Gegen Ende des Ersten Weltkrieges unterstützte er mit substanziellen Spenden die Lebensmittelversorgung der Münchner Bevölkerung. Noch in seinem Sterbejahr 1932 bezahlte er vollständig den Bau eines neuen Murnauer Gemeindekrankenhauses mit 60 Betten. Bereits zu Lebzeiten hatte James Loeb seine große Sammlung etruskischer, griechischer und römischer Kunst der Münchner Pinakothek vermacht: Sie ist heute ein bedeutender Teil der Staatlichen Antikensammlung. Neben König Ludwig I. von Bayern (reg. 1825–1848) gilt Loeb bis heute als deren wichtigster Mäzen. Außerdem gründete er eine Stiftung in Harvard für das Classics Department, wurde Treuhänder der American School of Classical Studies in Athen, zeigte großes Interesse für die Ausgrabungen durch das Boston Museum of Fine Arts und das Archaeological Institute of America.
Ab 1911 plante James Loeb ein Landhaus in Hochried bei Murnau. Er erwarb dafür ein ca. 24 Hektar großes Gelände am Südufer des Staffelsees. Carl Sattler errichtete bis 1913 eine Villa mit anliegenden Wirtschaftsgebäuden, die Loebs bevorzugter Aufenthaltsort wurde. Die Nähe der Künstlerkolonie um Wassilij Kandinsky und Gabriele Münter haben ihn wohl zusätzlich in diesem Schritt bestärkt. Ebenfalls ab 1912 förderte und finanzierte er im Universitätsverlag von Harvard die Loeb Classical Library, eine Editionsreihe für griechische und lateinische Klassiker (vergleichbar den preiswerten Reclam-Büchern). Zu Loebs Lebzeiten erschienen 360 Bände; heute umfasst die Library annähernd 500 Bände. In einem Vorwort der frühen Ausgaben der James Loeb Classical Library erklärte James Loeb, wieso er soviel Wert auf die Menschenfreundlichkeit in der Kunst, in der Musik und in der klassischen Ausbildung legte: "In einer Zeit, in der Humanität mehr missachtet wird als wahrscheinlich in jeder Zeit seit dem Mittelalter und in der die Gedanken der Menschen sich immer mehr auf das Praktische und Materielle lenken, da reicht es nicht aus, wie beredsam und überzeugend auch immer, zu argumentieren für die Bewahrung und weitere Freude an unserem großen Erbe aus der Vergangenheit. Mittel und Wege müssen gefunden werden, um diese Schätze allen, die sich um die wesentlichen Dinge des Lebens kümmern, zur Verfügung zu stellen".
In der Schweiz heiratete James Loeb im Mai 1921 die junge Witwe Marie Antonie Hambuechen geb. Schmidt (1866–1933), die aus Coburg stammte und James Loeb in New York kennen gelernt hatte. Sie hatte aus ihrer ersten Ehe bereits zwei Söhne und zwei Töchter, die er als die seinen annahm. Zahlreiche persönliche Schicksalsschläge und der aufziehende Antisemitismus der NS-Zeit ließen Loeb erneut schwer erkranken. Am 28. Januar 1933 starb seine Frau Marie Antonie, Murnau wurde zu einer Hochburg der NSDAP, es immer wieder zu Ausschreitungen kam. Schwer beunruhigt von dieser Entwicklung reiste Loeb nach Zürich, um sich dort mit seinem Rechtsanwalt zu beraten. Nach seiner Rückkehr verstarb James Loeb am 27. Mai 1933 auf seinem Gut in Hochried. Er ruht auf einer kleinen Anhöhe am Marie-Antonien-Weg in Murnau, unweit seines ehemaligen Landsitzes. Am Familiengrab auf dem Salem Fields Cemetry (Brooklyn, NY) befindet sich ein weiteres Epitaph.
James Loeb wurde bereits zu Lebzeiten für sein soziales und kulturelles Engagement geehrt. 1922 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1925 von Cambridge; im Jahr 1929 die Ehrenmünze und die Ehrenbürgerschaft der bayerischen Landeshauptstadt. 1932 wurde er zusätzlich Ehrenbürger von Murnau. Nach dem Ende der NS-Diktatur, in der man sein Wirken verleugnet hatte, wurde in Murnau die James-Loeb-Straße sowie eine James-Loeb-Grundschule zu seinen Ehren benannt. 1984 folgte München mit einer Straßenbenennung im Stadtteil Schwabing. Noch immer gibt es das von Loeb gestiftete "Marie-Antonie-Haus" für Studierende, ist aber durch einen modernen Neubau ersetzt. Die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg erwarb das Landgut in Murnau und eröffnete 1954 ein Erholungsheim für Kinder, das sich seitdem zu einer überregionalen Fachklinik für Kinder- und Jugendmedizin entwickelt hat. Das ursprüngliche Wohnhaus beherbergt Teile einer im Jahr 2000 von Brigitte Salmen (Schloßmuseum Murnau) konzipierten Ausstellung. Zum Erhalt der Klinik und zur Förderung kultureller Angebote wurde 2011 die James Loeb Gesellschaft e.V. gegründet. Die Villa Loeb in München steht unter Denkmalschutz (D-1-62-000-4234) und wird heute als Geschäftshaus genutzt; eine Gedenktafel neben dem Haupteingang erinnert an den Erbauer.
(Nach einer Biografie der James-Loeb-Grundschule Murnau sowie einem Text der Harvard University Press, übersetzt von Moritz Mayer – James Loeb Gesellschaft e.V. | bearb. Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Edith Raim: Der jüdische Mäzen und die Nazis. James Loeb und Murnau 1919–1933. Berlin u. a. 2024 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 14).
- Herman Meyer / Andrea Olmstead: James Loeb. Sammler und Mäzen in München, Murnau und weltweit. München 2018.
- Barbara Staudinger: Von Harvard nach München. James Loeb und die Umkehr der amerikanischen Immigration. In: Aschkenas 17 (2007), S. 147-166.
- Wolfgang Burgmair / Matthias M. Weber: "... daß er sich nirgends wohler als in Murnau fühle..." – James Loeb als Förderer der Wissenschaft und philanthropischer Mäzen. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau am Staffelsee e. V. (1997), S. 78.
Weiterführende Links
- James Loeb Gesellschaft e.V.
- James-Loeb-Grundschule Murnau
- Simone Dattenberger: Mäzen und Menschenfreund: James Loeb. In: Münchner Merkur (28.10.2009)
- Grab von Betty Loeb (Find a Grave - Englisch)
- Grab von Salomon Loeb (Find a Grave - Englisch)
- "Loeb, James", in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 18-19.
- Studentische Wohnanlage Marie-Antonie-Haus, Kaulbachstraße 49 (DAAD)
Quellen
GND: 117084573