Biografien
Menschen aus Bayern

Jakob Karl Wassermann Schriftsteller

geboren: 10.03.1873, Fürth
gestorben: 01.01.1934, Altaussee

Wirkungsort: Fürth | München | Wien u.a.

Der Sohn eines jüdischen Kurz- und Spielwarenfabrikanten in Fürth fühlte sich schon in seiner Jugend zum Schreiben berufen. Nach ersten Veröffentlichungen im Fürther Tagblatt begann er eine Lehre zum Kaufmann in Wien, die er jedoch abbrach. Nach unsteten Wanderjahren arbeitete er für die Satireblätter "Simplizissimus" und "Die Jugend", außerdem begann er Essays, Romane und Biographien zu veröffentlichen. Jakob Wassermann zählte zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren und wurde noch zu Lebzeiten in siebzehn Ländern veröffentlicht. Mit seinem autobiographischen Werk "Mein Weg als Deutscher und Jude" (1921) analysierte Wassermann mit prophetischer Klarheit das Wesen des deutschen Antisemitismus.

Die Kultusgemeinde in Fürth zählte im 18. und 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten jüdischen Gemeinden im Aschkenas. Sie galt unter Juden als gelehrt, fromm und vorbildlich. Die Familie Wassermann waren erst eine Generation zuvor zugezogen: Vater Adolf (Abraham) Wassermann (1844-1901), ein Kurz- und Spielwarenfabrikanten, kam aus Zirndorf, die Mutter Henriette (Jette) geb. Traub (1850-1882) aus Gunzenhausen. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Jenny (1875-?), Jakob als ältester Sohn, gefolgt von Albert (1874, verstarb im selben Jahr). Der frühe Tod der Mutter ist für Jakob ein einschneidendes Erlebnis. Im autobiographischen Werk „Mein Weg als Deutscher und Jude“ schreibt Jakob Wassermann: „Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit, von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft erzählt, dass Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir auch erzählt, dass ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit. Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte“.

Adolf Wassermann heiratete in zweiter Ehe Flora Wannbacher (Daten unbekannt). Aus dieser Verbindung stammten Jakobs Halbbrüder Hugo und Alfred (1882, verstarb ebenfalls als Säugling). Das Verhältnis zur Stiefmutter blieb zeitlebens angespannt. Stolz konnte Jakob Wassermann darauf verweisen, dass seine "Vorfahren nachweisbar seit mindestens 500 Jahren in fränkischen Landen" lebten. Der Familienmythos weiß von sephardischen Vorfahren aus Spanien, die Großväter arbeiteten als Seiler und Weber. Ein Handwerker wollte Jakob Wassermann allerdings nicht werden, die Phantastik war eher sein Metier. Er bleibt der Israelitischen Elementarschule häufig fern und flüchtet sich in Tagträume, nachts unterhält er seine Brüder mit einet improvisierten Fortsetzungsgeschichte. Als er nach seinem Realschulabschluss ohne Erlaubnis der Eltern im Fürther Tagblatt eine Erzählung publizierte, wurde Jakob Wassermann 1889 mit 16 Jahren zu Onkel nach Wien geschickt. In dessen Fächerfabrik sollte er eine kaufmännische Ausbildung machen. Weil er sich jedoch zum Schreiben berufen fühlte, verließt er schon im Jahr 1891 seinen Onkel und ging zurück nach Bayern.

Nach einjährigem Militärdienst in Würzburg, kurzer Tätigkeit in einer Nürnberger Versicherung (1892/94) und einer recht ziellosen Wanderzeit in Süddeutschland wurde er in München Sekretär bei Ernst von Wolzogen. Über diese Verbindung wurde Jakob Wassermann publizistisch für die neu gegründeten satirischen Zeitschriften "Simplizissimus" und "Jugend" tätig. Beim Simplizissimus-Verleger Albert Langen veröffentlichte Wassermann nach seinem Erstling "Melusine – Ein Liebesroman" (1896) weitere Prosaarbeiten, darunter den erfolgreichen Roman "Die Juden von Zirndorf" (1897), der ihn einer breiten Leserschaft bekannt machte.

1898 zog Wassermann nach Wien und heiratete 1901 Julia Elsa Speyer, die einer angesehenen bürgerlichen Familie entstammte. Im selben Jahr starb Jakobs Vater Adolf Wassermann. 1919 verließ er seine Frau und lebte mit der 16 Jahre jüngeren, geschiedenen Schriftstellerin Marta Stross, geb. Karlweis (1889-1965) zusammen. Das Paar zog von Wien in das steierische Altaussee, das sich zunehmend zum modischen Sammelpunkt von Künstlern und Schriftstellern entwickelte. Die Scheidung von Julia Speyer zögerte sich durch immer neue Prozesse und Geldforderungen bis 1926 hinaus. Am 21. Februar 1924 kam der Sohn des Paares, Carl Ulrich (Charles), zur Welt. Aus ihrer ersten Ehe hat sie bereits die beiden Töchter Bianca und Emmy Stross. Ein Echo des Beziehungskonflikts mit Julie klingt im Roman Laudin und die Seinen (1925) nach. Marta wurde 1926 Wassermanns zweite Frau und Biographin. Sie hatten gemeinsam fünf Kinder. In Altaussee traf Jakob Wassermann vermehrt mit dem sogenannten Jungwiener Kreis um Hugo von Hofmannsthal zusammen, den er wiederum in München kennen gelernt hatte. Zwischen 1910 und 1933 entwickelte er sich zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit.

Sein Ruhm war international, die Bücher in 17 Ländern verbreitet. Eine Auswahl: "Der Moloch" (1902), "Der niegeküßte" Mund (1903)," Alexander in Babylon" (1905), "Die Geschichte der jungen Renate Fuchs" (1900), "Caspar Hauser" (1908), "Das Gänsemännchen" (1915), "Christian Wahnschaffe" (1919), "Mein Weg als Deutscher und Jude" (1921) der "Fall Maurizius" (1928), die Biographie "Christoph Columbus" (1928), "Etzel Andergast" (1931) und "Joseph Kerkhovens dritte Existenz" (1934).

Kritisch, vor allem auch sich selbst gegenüber, nahm Jakob Wassermann an seiner Zeit Anteil: Am Grauen des Ersten Weltkriegs und dem Untergang der Monarchien in Mitteleuropa, den Zerfall der alten Werte im Revolutionsjahr 1918/19, Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und dem Aufstieg völkischer Bewegungen, die der NSDAP den Weg bereiteten. Im Jahr der NS-Machtübernahme 1933 wurden auch seine Bücher verboten und öffentlich verbrannt. Die preußische Akademie der Künste schloss den nun Ungewollten aus ihren Reihen aus. Verarmt und psychisch gebrochen verstarb Jakob Wassermann mit 61 Jahren in Altaussee und wurde auf dem Ortsfriedhof beigesetzt.

1921 veröffentlichte Jakob Wassermann das autobiographische Werk "Mein Weg als Deutscher und Jude". Dem Buch war kein epochaler Erfolg beschieden, entlarvte aber in seltener Klarheit die Wege und Ziele des Antisemitismus. Er beschrieb den unauflösbaren Widerspruch der um Anpassung bemühten deutschen Juden: "Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines Urspungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder denen meiner Art, noch von denen meiner Wahl". Die Vergeblichkeit seiner Heimatverbundenheit entsprach seiner zwiespältigen Haltung bezüglich seiner Zugehörigkeit zum Judentum: Gerade seine Religion gab für den Juden Wassermann alles andere als ein fest umrissenes Identifikationsmodell ab: "Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als auch in der opportunistischen abgeklärten der modernen Synagoge". Als würde er nicht dazugehören, blieben ihm die Juden ein stetes Rätsel. Dennoch verhalf ihm dieses Rätsel zu dezidierten Einsichten: "Die Juden weisen immer au die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein Jude erträgt ein objektives urteil über Juden [...] sobald das Judentum als solches im geringsten belastet wird. [...] Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebenso wenig einen Vorrang dadurch, dass man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, als Jude geboren zu sein". Mit dem Gedanken des Zionismus konnte Jakob Wassermann wenig anfangen, beobachtete aber zeitgleich die merkwürdige Verzahnung von Deutschtümelei und jüdischer Identität, als könne sich das eine nicht ohne das andere definieren: "Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und das arische Prinzip von der Erde tilgen. Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig".

Neben einem Straßennamen, einer Schulbenennung und dem 1996 ins Leben gerufenen Jakob-Wassermann-Literaturpreis, der alle zwei Jahre verliehen wird, erinnern Gedenktafeln an seinen Lebensorten Alexanderstraße 13, Blumenstraße 78 und Theaterstraße 17 an den großen Sohn Fürths. Zu seinem 150. Geburtstag organisierte das Kulturforum Fürth vom 10. bis 12. März 2023 ein Veranstaltungswochenende und bis in den Herbst Sonderführungen sowie eine digitale Schnitzeljagd.


Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18/2), S. 285-291.


(Leibl Rosenberg)

Literatur

  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 629.
  • Leibl Rosenberg: Jakob Wassermann (1873-1934). Vergebliches Tun - sein Weg als Deutscher und Jude. In: Haus der Bayerischen Geschichte /Manfred Treml (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18/2), S. 285-291.

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