Als eine der ersten weiblichen Spitzenpolitikerinnen der Bundesrepublik Deutschland war Dr. Hildegard Hamm-Brücher eine prominente Vertreterin der liberalen FDP. Sie bekleidete zahlreiche Ämter und setzte sich für die Gleichberechtigung, vor allem über eine fortschrittliche Bildungspolitik ein. Wegen ihrer Jugenderfahrungen in der NS-Zeit engagierte sie sich vehement für die politische Erziehung und eine langfristige Stärkung der Demokratie. Nach einem antisemitischen Eklat in der FDP schied Dr. Hamm-Brücher aus der Partei aus, blieb aber bis ins hohe Alter politisch aktiv. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.
Am 11. Mai 1921 wurde Hildegard Brücher in Dresden geboren und verbrachte in Berlin-Dahlem mit vier Geschwistern eine sorgenfreie und gutbürgerliche Kindheit. Die Familie war im Geiste der "Bekennenden Kirche" protestantisch geprägt, aber weitgehend unpolitisch. Dass ihre Großmutter mütterlicherseits getaufte Jüdin war, und dadurch sie selbst dem Judentum angehören, erfuhren die Kinder erst nach der Verabschiedung der Nürnberger Rasse-Gesetze im Jahr 1935.
Diese Großmutter, "das Ömchen", wurde auch zur Bezugsperson der Brücher-Geschwister, als die Eltern 1931 und 1932 jung verstarben. Sie gab den Vollwaisen familiären Halt, konnte sie aber vor den Repressalien des NS-Regimes nicht abschirmen. Nach dem Abitur am Realgymnasium in Konstanz nahm Hildegard Brücher in München 1939 das Studium der Chemie auf und promovierte 1945. Möglich war dieser akademische Weg für sie nur, weil ihr späterer Doktorvater Heinrich Wieland ihre Arbeit vor den NS-Machthabern für „kriegswichtig“ erklärte. Als die studentische Widerstandsbewegung "Weiße Rose" zerschlagen wurde und dabei auch ihr Name fiel, hielt Wieland weiterhin seine schützende Hand über sie. Nach dem Tod ihrer Eltern erlitt Brücher 1942 einen weiteren Schicksalsschlag, als sich ihre Großmutter kurz vor der Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt das Leben nahm. Nach Kriegsende arbeitete Dr. Hamm-Brücher bis 1948 als wissenschaftliche Redakteurin an der "Neuen Zeitung" in München, bis sie auf Bundespräsident Theodor Heuss (1884-1963) traf, der ihr angeblich folgenden Ratschlag gab: „Mädle, gehet se in die Politik“.
1948 folgte sie dem Rat von Theodor Heuss und kandierte für den Münchner Stadtrat. Eigentlich liebäugelte sie ja mit der Sozialdemokratie, entschied sich letztendlich aber für die FDP. Dass die Liberalen sie nur für einen wenig aussichtsreichen Listenplatz nominierte – davon hatte sie sich nicht abhalten lassen. Mit Aquarellmalfarben gestaltete sie Wahlplakate, die sie mit selbst produziertem Kleister aus Knochen und Lauge an Schwabings Häuserfronten anbrachte. Die Strategie ging auf: Sie wurde auf der Liste nach oben gewählt und zog als Deutschlands jüngste Stadträtin ins Münchner Kommunalparlament ein.
Ihre Wahl zur Stadträtin war die Initialzündung für eine der außergewöhnlichsten Politikkarrieren der Nachkriegszeit. 1950 zog sie als eine von nur vier Frauen ins Maximilianeum ein, wo sie die Liberalen bis 1966 und zwischen 1970 und 1976 vertrat. Gerade in der Frühphase ihres politischen Wirkens war sie – mit ihren eigenen Worten – als Frau in der Politik ein "Unikat". Vor diesem Hintergrund überrascht auch nicht, dass der Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ihre politische Vita prägte: Schon 1948 setzte sie sich dafür ein, dass ein vorbehaltloses Bekenntnis zur Gleichberechtigung in das Grundgesetz aufgenommen wurde. Mit den Moralvorstellungen der Nachkriegsära kollidierte sie, als sie 1953 ein Kind von ihrem verheirateten, sich in Scheidung befindlichen, CSU-Stadtratskollegen Erwin Hamm (1909-2008) erwartete. Erst 1956 konnte das Paar heiraten.
Weltanschaulich stand für sie das Ideal der Chancengleichheit im Vordergrund, das sie insbesondere im Bildungswesen verwirklichen wollte. Eine zweite Säule ihres Engagements blieb die Erziehung zur Demokratie. Das Wiedererstarken politischer Extremismen fürchtet sie Zeit ihres Lebens und setzte auf eine Immunisierung durch die Förderung einer aktiven und starken Zivilgesellschaft. Unter diesen Vorzeichen stand auch ihre weitere, bundespolitische Karriere: Von 1976 bis 1990 war sie Mitglied des Bundesstages mit Stationen als Staatsministerin im Auswärtigen Amt und Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Trotz ihres Einsatzes für die Gleichberechtigung hielt sie zur Frauenrechtsbewegung später eine gewisse kritische Distanz, denn "für solche Kinkerlitzchen hatte ich keine Zeit", wie sie noch 2009 in einem Interview betonte. Gleichberechtigung war für sie eine gesamtgesellschaftliche, geschlechterübergreifende und gelebte Aufgabe.
Hamm-Brücher bescherte ihrer Partei immer wieder hervorragende Wahlergebnisse, bewahrte sich aber auch ihre Unabhängigkeit – was schon früh zu Spannungen führte. Bereits 1962 wurde sie bei der Landtagswahl von ihrer Parteiführung mit einem aussichtslosen Listenplatz abgestraft. Ihre Reaktion: geschicktes "Guerilla-Marketing" in eigener Sache. Sie gründet Bürgerkomitees, die sich unter anderem mit Fahrradkorsos und Hauspartys für sie stark machen. Als Stimmenkönigin der Liberalen zog sie wieder ins Maximilianeum ein.
Zum Konflikt mit ihrer Partei kam es auch 1982, als die FDP die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt mit einem Misstrauensvotum gegen den Kanzler aufkündigte. Diesen Schritt kann sie nicht mitgehen und beklagt offen das "Odium des verletzten demokratischen Anstands". Auch wenn sie das Ende der Koalition zeitlebens als ihre größte politische Niederlage ansah, behielt sie doch ihr Parteibuch und ließ sich 1994 von der FDP für das Amt des Bundespräsidenten vorschlagen. Doch auch hier enttäuschte sie die Partei und forderte sie im dritten Wahlgang zum Rückzug auf. Im Jahr 2002 folgte dann der endgültige Bruch mit der FDP über die Äußerungen des stellvertretenden Bundesvorsitzenden Jürgen Möllemann (1945-2003), der Juden eine Mitverantwortung für die Zunahme antisemitischer Ressentiments bescheinigte. Damit war für Hildegard Hamm-Brücher eine moralische Grenze unumkehrbar überschritten und sie verließ die Partei nach 54 Jahren Mitgliedschaft. Dem politischen Liberalismus blieb sie jedoch treu und begleitete bis zu ihrem Tod mit 95 Jahren am 7. Dezember 2016 zahlreiche Initiativen und Projekte zur Stärkung der Zivilgesellschaft. Neben vielen Auszeichnungen, die sie zu Lebzeiten erhielt, wurde 2018 in München-Freiham eine Straße nach ihr benannt.
Aus der Serie „Gesichter unseres Landes“ von der Hanns-Seidl-Stiftung
(Sarah Schmid)
- 1948 Mitglied der FDP
- 1948-1954 Mitglied des Stadtrats in München
- 1949-1950 Stipendium an der Harvard-Universität, USA
- 1950-1966 Abgeordnete des Bayerischen Landtags
- 1967-1969 Staatssekretärin im Hessischen Kultusministerium
- 1969-1972 Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft
- 1970-1976 Abgeordnete des Bayerischen Landtags (Ersatzmann: Hürner, Peter)
- 1973-1976 stellv. Bundesvorsitzende der FDP
- 1974-1988 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags
- 1976-1990 Mitglied des Deutschen Bundestags
- 1976-1982 Staatsministerin im Auswärtigen Amt
- 1985-1991 Mitglied des Bundesvorstands der FDP
- 1994 kandidatin der FDP für das Amt der Bundespräsidentin
- 2002 Austritt aus der FDP
- 1. Vorsitzende der Stiftung Theodor-Heuss-Preis e.V., Mitglied des Kuratoriums "Stiftung Volkswagenwerk"
- zahlreiche Auszeichnungen
Literatur
- Hildegard Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als ein Wort. Köln 1996.
- Hildegard Hamm-Brücher: "Und dennoch...". Nachdenken über Zeitgeschichte, Erinnern für die Zukunft. München 2011.
Weiterführende Links
GND: 118545396