Der Sohn des hessischen Landesrabbiners Benedikt Levi (1806-1899) erhielt bereits in seiner Gymnasialzeit Unterricht durch den Hofkapellmeister Vinzenz Lachner (1811-1893). Nach einem raschen Aufstieg zum Hofkapellmeister in Karlsruhe wurde er 1872 nach München berufen. Mit dem Komponisten Richard Wagner (1813-1883) unterhielt Levi enge künstlerische Beziehungen, trotz dessen offenem Antisemitismus. 1878 übernahm Hermann Levi die Leitung der Uraufführung des "Rings des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen, 1882 dirigierte er die "Parsifal"-Uraufführung. König Ludwig II. von Bayern verlieh ihm für seine großen Verdienste um die Hofoper den Verdienstorden des Hl. Michael I. Klasse. 1894 wurde er zum königlich-bayerischen Generalmusikdirektor befördert. Hermann Levi war maßgeblich an einer Mozart-Renaissance in München beteiligt, aus der die heutigen Opernfestspiele mit den jährlich wechselnden Schwerpunkten Wagner und Mozart hervorgegangen sind.
Das Talent war Levi offenbar in die Wiege gelegt. Seine Mutter Henriette geb. Mayer (1806-1846) legte großen Wert auf die musikalische Erziehung ihrer Kinder. Sie entstammte einer Tabakfabrikantenfamilie in Mannheim und starb 1842 bei der Geburt ihres vierten Kindes, das ebenfalls kurze Zeit darauf verstarb. Hermann Levi war damals drei Jahre alt. Levis Vater, der hessische Landesrabbiner Benedikt Levi (1806-1899), versuchte nach dem Tod seiner ersten Frau (und seiner zweiten Frau, die nur ein Jahr nach der Vermählung bei der Geburt der gemeinsamen Tochter Auguste verstarb), die Fähigkeiten seiner musikalischen Söhne und Töchter zu fördern.
Hermann Levi entstammte einer Rabbiner-Familie. Er betonte mehrfach, dass 14 Generationen seiner Vorfahren väterlicherseits Rabbiner gewesen seien. Mindestens zehn davon, zurückreichend bis ins 16. Jahrhundert, sind quellentechnisch belegbar. Levis Verhältnis zum Judentum wurde im Laufe seines Lebens immer distanzierter, vor allem durch öffentliche antisemitische Anfeindungen. Letztlich, so schreibt es Frithjof Haas, sei Levis Verhalten "ein oft hilfloses Pendeln zwischen der Verpflichtung gegenüber seinen orthodoxen Rabbiner-Ahnen und der Anpassung an eine christlich-bürgerliche Umwelt" gewesen.
Bereits während seiner Zeit am Lyceum (Gymnasium) in Mannheim erhielt Levi ab 1852 Musikunterricht beim Hofkapellmeister Vinzenz Lachner (1811-1893). Dieser entwickelte sich schnell zu einem frühen Lehrmeister und Wegbereiter für Levi – gerade auch in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus. In einem Empfehlungsschreiben an den Cäcilienverein Frankfurt schrieb Lachner: "Obwohl Jude von Geburt, hat Hermann Levi keine einzige dieser unangenehmen Eigenschaften, die das Vorurteil als unzertrennlich mit dieser Abstammung verknüpft […]. Weit entfernt zudringlich oder unbescheiden zu sein, ist er davon gerade das Gegenteil und von einem offenen, geraden und in Allem ehrenhaften Wesen, wie es nicht häufig getroffen wird". In der Tat begann Hermann Levi eine außergewöhnliche Karriere: 1855-58 Studium am Konservatorium in Leipzig, 1859 Musikdirektor in Saarbrücke, 1861 Vertreter des Zweiten Kapellmeisters an der Mannheimer Oper, 1861-64 Erster Opernkapellmeister in Rotterdam, 1864-72 Hofkapellmeister in Karlsruhe.
Nachdem er 1872 als Hofkapellmeister nach München berufen wurde, entwickelte sich eine innige Freundschaft zwischen Levi und dem Komponisten Richard Wagner (1813-1883); der zu dieser Zeit als Protegé des bayerischen Königs Ludwig II. in der Hauptstadt weilte. So kam es auch, dass Levi die Uraufführung von Wagners "Parsifal" im neu gebauten Festspielhaus Bayreuth dirigierte. König Ludwig II. von Bayern (reg. 1864-1886) verlieh ihm für seine großen Verdienste um die Hofoper, vor allem jedoch um die Werke von Richard Wagner den Verdienstorden des Hl. Michael I. Klasse.
Auch zu Wagners zweiter Ehefrau Cosima Wagner (1837-1883) unterhielt er bis zuletzt engen Kontakt. In Briefen schrieb er sie – wohl aufgrund der großen Verehrung für ihren Mann – mit "Verehrte Frau Meisterin!" an. Auf Wunsch von Cosima Wagner hatte Levi nach Richard Wagners Tod die künstlerische Leitung der Bayreuther Festspiele inne – trotz zunehmender antisemitischer Kritik in der Öffentlichkeit.
Eine weitere erwähnenswerte Beziehung war jene zwischen Levi und Richard Strauss (1864-1949). Während sich die beiden offenbar recht gut verstanden, stand vor allem der Vater von Richard Strauss, ein Antisemit, zwischen ihnen. Doch Levi schrieb 1893 an Richard Strauss: "Halten Sie es für möglich, sich mit mir nicht nur auf einen geschäftlichen, sondern auf einen freundschaftlichen Fuß zu stellen? […] Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, da wir uns in Ruhe aussprechen können, und da Sie erkennen werden, daß Sie mich bisher doch wohl in einer falschen Beleuchtung gesehen haben. […] Ich meinentheils habe Ihnen gegenüber gar Nichts zu überwinden, und würde Ihnen herzlich gerne die Hand bieten zu einträchtigem Zusammenwirken". Trotz der Diskrepanzen und den verschiedenen Auffassungen über die Positionen eines Dirigenten, spielten Levi und Strauss schlussendlich regelmäßig Skat.
Aus gesundheitlichen Gründen, die wohl auf jahrzehntelange Überarbeitung zurückzuführen waren, sah sich Levi 1896 gezwungen, seine Laufbahn zu beenden. Kurz zuvor hatte er im Alter von 55 Jahren Mary Fiedler, die Witwe des Münchner Kunsthistorikers Konrad Fiedler, geheiratet. Auf der Heiratsurkunde wurde "konfessionslos" eingetragen. Sie beide zogen schließlich nach (Garmisch)-Partenkirchen, wo sich Levi mehr seinen privaten Freundschaften, unter anderem zu Paul Heyse, widmete und mit Mozarts und Goethes Werken beschäftigte. Nach seinem Tod 1900 wurde er zunächst in München beigesetzt, auf Verlangen seiner Frau fand Levi seine letzte Ruhestätte jedoch in einem Mausoleum auf dem Grundstück seiner Villa in Partenkirchen.
Aus der Serie "Gesichter unseres Landes" von der Hanns-Seidl-Stiftung
(Thomas M. Klotz)
Literatur
- Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 367.
- Dieter Steil: Wie freue ich mich auf das Orchester! Briefe des Dirigenten Hermann Levi. Köln 2015.
- Richard Bauer / Michael Brenner (Hg.): Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2006, S. 106f.
- Frithjof Hass: Zwischen Brahms und Wagner. Der Dirigent Hermann Levi. Zürich und Mainz 1995.
- Ina Ulrike Paul: Hermann Levi (1839-1900), der erste "Parsifal"-Dirigent. In: Haus der Bayerischen Geschichte /Manfred Treml (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18/2), S. 163-171.
- Hartmut Zelinsky: Der Dirigent Hermann Levi. Anmerkungen zur verdrängten Geschichte des jüdischen Wagnerianers. In: Haus der Bayerischen Geschichte / Manfred Treml / Josef Kirmaier / Evamaria Brockhoff (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Aufsätze. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 17), S. 431-439.
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