Biografien
Menschen aus Bayern

Hermann Kesten Schrifststeller

geboren: 28.01.1900, Pidwolotschysk
gestorben: 03.05.1996, Riehen

Wirkungsort: Nürnberg | Berlin | New York | Rom | Basel

Hermann Kesten gilt als bedeutender Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Der in Galizien geborene und in Nürnberg aufgewachsene Schriftsteller musste Deutschland 1933 verlassen. In den USA engagierte er sich für die deutschen Exilschriftsteller, nach 1945 lebte er abwechselnd in New York und Rom, nach dem Tod seiner Frau Toni geb. Warowitz zog er nach Basel. Kesten nahm regen Anteil am literarischen Leben der Bundesrepublik und förderte junge Talente. Von 1972 bis 1976 leitete er das Deutsche PEN-Zentrum und stiftete 1995 das Preisgeld für den ersten Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis.

Im polnisch-sprachigen Teil der Westukraine, damals ein Teil des habsburgischen Kronlands Galizien, wurde im Jahr 1900 Hermann Kesten geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Isaak Kesten (1871-1918) und dessen Frau Ida geb. Tisch (1872-1962). Die Familie zog nach Nürnberg, wo Hermann seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach der Israelitischen Elementarschule ging er auf das renommierte humanistische Melanchthon-Gymnasium. Im Ersten Weltkrieg fiel Vater Isaak an der Ostfront in Polen. 1919 legte Kesten sein Abitur ab und studierte dann bis 1923 die Fächer Jura, Nationalökonomie (VWL), Geschichte, Germanistik und Philosophie in Erlangen und Frankfurt am Main. 1923 brach er das Studium ab, ein Promotionsvorhaben über Heinrich Mann blieb unvollendet. Bis 1926 arbeitete er in der Gebrauchtwarenhandlung seiner Mutter. Sein Erstlingswerk, die Novelle „Vergebliche Flucht“, erschien in jenem Jahr in der jüdischen Frankfurter Zeitung und brachte ihm den Durchbruch als Schriftsteller. 

Hermann Kesten unternahm Bildungsreisen durch Europa und Nordafrika, die seinen Horizont für weitere literarischen Projekte erweiterten. Von 1927 bis 1933 arbeitete er als Cheflektor des Berliner Kiepenheuer-Verlags. Im Dezember 1928 heiratete er die jüdische Nürnbergerin Toni Warowitz (1904-1977). Nach der NS-Machtübernahme erkannte der jüdische Schriftsteller die Zeichen der Zeit und exilierte zunächst nach Frankreich, dann nach Brüssel und Amsterdam, wo er bis 1940 den Verlag Allert de Lange für deutsche Exilautoren betreute. Von 1939 bis 1940 wurde er in Frankreich interniert und konnte im Mai 1940 in die USA ausreisen. In New York City engagierte er sich im „Emergency Rescue Committee" zur Rettung europäischer Schriftsteller und erwarb sich den Ruf eines "Schutzvaters aller Verfolgten" (Stefan Zweig). Im Jahr 1949 nahm Hermann Kesten die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an und hielt sich bis 1977 abwechselnd in New York und Rom auf, nach dem Tod seiner Frau ließ er sich dauerhaft in Riehen bei Basel nieder. 1995 stiftete Kersten das das Preisgeld für den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis, der in jenem Jahr das erste Mal vergeben wurde. Ein Jahr darauf verstarb Hermann Kersten. Er ruht auf dem jüdischen Friedhof in Basel neben seiner Frau Toni, deren Urne aus Rom überführt wurde. 

Hermann Kesten gilt als bedeutender Vertreter der Neuen Sachlichkeit, die auch von Literaten wie Thomas Mann, Berthold Brecht, Hans Fallada und Erich Kästner vertreten wurde. Von 1934 bis 1945 schrieb er vorwiegend historisch-biografische Romane mit zeitkritischem Akzent, wobei er auch auf die politische Lage in Spanien und Deutschland bezugnahm. Nach 1945 publizierte er vermehrt Romane, Essays und autobiographische Erinnerung. Eine Auswahl seines Schaffens: „Joseph sucht die Freiheit“ (1927), „Ein ausschweifender Mensch“ (1929), „Glückliche Menschen“ (1931), „Der Scharlatan“ (1932), „Der Gerechte“ (1934), „König Philipp der Zweite“ (1938), „Die Kinder von Guernica“ (1939), „Die fremden Götter“ (1949), „Ein Sohn des Glücks“ (1955), „Die Abenteuer eines Moralisten“ (1961), „Ein Mann von sechzig Jahren“ (1972), „Revolutionäre mit Geduld“ (1973).

Für sein Opus erhielt Hermann Kesten im Jahr 1954 den Kulturpreis der Stadt Nürnberg und 1974 den Georg-Büchner-Preis. 1972-1976 war er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und später ihr Ehrenvorsitzender. Die Universität Erlangen-Nürnberg verlieh ihm 1978 die Ehrendoktorwürde, 1980 wurde er Ehrenbürger der Stadt Nürnberg. Zu seinem 85. Geburtstag stiftete das P.E.N-Zentrum die Hermann-Kesten-Medaille für besondere Verdienste um verfolgte Autoren im Sinne der Charta des Internationalen PEN. Sie wurde bis 1993 alle zwei Jahre verliehen, ab 1994 wird sie jährlich vergeben.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Hermann Kesten: Filialen des Parnaß. 31 Essays. München 1961.

GND: 118561715