Biografien
Menschen aus Bayern

Henry Kissinger Diplomat und Politiker, Friedensnobelpreisträger

geboren: 27.05.1923, Fürth
gestorben: 29.11.2023, Kent CT

Wirkungsort: Washington D.C. | New York City

Henry Kissinger war diplomatischer Berater und später Außenminister der USA unter den Präsidenten Nixon und Ford. Als Verfechter einer pragmatischen Realpolitik stärkte er die Position der USA im Mächtedreieck zur Sowjetunion und der Volksrepublik China. Für seine Rolle bei der Beendigung des Vietnamkriegs erhielt er 1973 den Friedensnobelpreis, jedoch wird sein Wirken heute wegen der völkerrechtswidrigen US-amerikanischen Interventionen in Südamerika und Asien weitaus kritischer betrachtet. Dessen ungeachtet zählt er zu den einflussreichsten politischen Persönlichkeiten des Westens in der Zeit des Kalten Krieges. Jahrzehntelang leitete er die politische Denkfabrik "Kissinger Associates" und blieb seiner Heimatstadt Fürth eng verbunden.

Als das in der orthodoxen jüdischen Gemeinde Fürth verankerte Ehepaar Louis und Paula (geb. Stern) Kissinger am 27. Mai 1923 die Geburt von Heinz Alfred anzeigte (ein Jahr später kam Bruder Walter zur Welt), konnte noch niemand ahnen, dass ihr Erstgeborener später zu einem der einflussreichsten Außenpolitiker der Supermacht USA aufsteigen würde. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wuchsen Heinz und Walter wohlbehütet in gutbürgerlichen Verhältnissen einer respektierten und intakten Familie auf. Sie wohnten in der Marienstraße 5 im Stadtzentrum, hatten neben der Schule Klavierunterricht, waren Mitglieder im orthodox-jüdischen Jugendbund Esra und betrieben Sport – Heinz vor allem Fußball. Seinem damaligen Verein, der Spielvereinigung Fürth, ist er bis heute als treuer Fan verbunden.

Die unbeschwerte Jugendzeit endete abrupt im April 1933, als wenige Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler Louis Kissinger seine Anstellung als Gymnasiallehrer verlor und zwangsbeurlaubt wurde. Die zunehmenden Einschränkungen (auch Heinz und Walter mussten die öffentliche Schule verlassen) und die inhumane Entrechtung durch die sogenannten Nürnberger Gesetze 1936 veranlassten die Familie Kissinger schließlich, Deutschland im September 1938 in Richtung USA zu verlassen.

Ihr neues Domizil in New York befand sich zunächst in der Bronx, zwei Jahre später zogen sie in das deutsch-jüdisch geprägte Viertel Washington Heights an der nördlichen Spitze Manhattans um. Heinz, der sich nun Henry nannte, und sein Bruder Walter besuchten dort die George Washington High School und nahmen am Gemeindeleben der von Immigranten gegründeten orthodoxen K’hal Adath Jeshurun Gemeinde teil. Bemerkenswert ist, dass der nur ein Jahr jüngere Walter Kissinger, der in den USA später als erfolgreicher Unternehmer reüssierte und im Mai 2021 im Alter von 96 Jahren starb, bereits wenige Monate nach der Ankunft in den USA im Jahr 1938 ein akzentfreies Amerikanisch sprach, während Henry Kissinger seinen deutschen Akzent im Englischen bis heute beibehalten hat.

Nach seinem High School-Abschluss im Jahr 1941 wechselte Henry an das City College New York, wurde aber im Februar 1943, nachdem der Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft, zu den Streitkräften eingezogen. Dort, so sein Biograph Robert D. Schulzinger, wurde nicht nur erstmals sein geniales Denken in strategischen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik deutlich, sondern es kam auch zu der schicksalhaften Begegnung mit dem ebenfalls deutschstämmigen Fritz G.A. Kraemer (1908-2003), später ein einflussreicher Geostratege im US-Verteidigungsministerium und Kissingers Mentor.

Als Mitglied der US-Streitkräfte wurde Kissinger Mitte 1944 nach Deutschland versetzt, wo er bis über das Kriegsende hinaus zwar stationiert bleiben musste, allerdings durch Kraemers Einfluss Mitglied des Armee-Geheimdienstes werden und Offiziere unterrichten konnte. Nach seiner Rückkehr in die USA im Jahr 1947 nahm Kissingers akademische Karriere rasant Fahrt auf, nachdem Kraemer seinem Protegé Kontakte zur Harvard University eröffnete. Bereits drei Jahre nach seinem Wechsel an die Eliteuniversität präsentierte der erst 27-jährige Kissinger eine 400-Seiten-Senior Thesis mit dem Titel "The Meaning of History: Reflections of Spengler, Toynbee, and Kant" – eine scharfsinnige Analyse im Schnittfeld von Philosophie, Geschichte und Internationaler Politik. Wenige Jahre später folgte die Dissertation "A World Restored: Metternich, Castlereagh, and the Problems of Peace 1812-1822", die in Fachkreisen heute noch als herausragendes historisches Standardwerk gilt. Diese Forschungsergebnisse bildeten nicht nur die Grundlage für Kissingers Karriere in Harvard, wo er als Professor für Politikwissenschaft lehrte und zum Direktor des dortigen Center for International Affairs aufstieg, sondern sie machten auch einflussreiche Akteure im außen- und sicherheitspolitischen Establishment der USA auf den jungen akademischen "Rising Star" aufmerksam. Sukzessive avancierte zum Berater einschlägiger Einrichtungen und Persönlichkeiten. Der entscheidende Karrieresprung folgte, als der republikanische Kandidat Richard Nixon im November 1968 zum Präsidenten der USA gewählt wurde und Kissinger als National Security Adviser ins Weiße Haus nach Washington holte. Seine primäre Aufgabe bestand darin, eine gesichtswahrende Beendigung des Vietnam-Krieges herbeizuführen, der das internationale Ansehen der USA beschädigte. Eng damit verbunden war die Herausforderung, die Position der Vereinigten Staaten im weltpolitischen Dreieck Washington – Moskau – Peking zu stärken, was Kissinger durch eine politische Instrumentalisierung des ideologischen und machtpolitischen Konfliktes zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion meisterhaft initiierte.

Weil Peking den "Sowjetimperialismus“ damals als existenzbedrohender ansah als den "Kapitalistischen Imperialismus", gelang Kissinger durch bilaterale Geheimdiplomatie eine strategische Verbesserung der Beziehungen zu China. Diese machtpolitische Veränderung mündete gleichzeitig in einem neuen Verhältnis Washingtons zu Moskau, weil im Kreml die Bedeutung der USA durch deren neue strategische Partnerschaft zu Peking erheblich zunahm. Ungeachtet der von Kissinger diplomatisch vorbereiteten Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens endeten die Kampfhandlungen nicht, sondern weiteten sich wegen der Zerstörung nordvietnamesischer Nachschublinien sogar auf Kambodscha aus und forderte enorme Opfer unter der Zivilbevölkerung. Kissingers Rolle in diesem Konflikt wird daher bis heute kritisch diskutiert. Im September 1973 wurde Henry Kissinger als Außenminister der Vereinigten Staaten vereidigt. Dieses Amt übte er nach dem Rücktritt Präsident Nixons auch unter dessen republikanischem Nachfolger Gerald Ford aus. Als Chefdiplomat der USA agierte Kissinger in diesen Jahren insbesondere als Vermittler zwischen den Konflikt-Parteien im Nahost-Konflikt und als Architekt Strategischer Rüstungskontrolle und Abrüstung zwischen den USA und der Sowjetunion. Mit dem Wechsel von Gerald Ford zum Demokraten Jimmy Carter im Januar 1977 schied Kissinger schließlich aus der aktiven Politik aus und gründete in New York die Denkfabrik "Kissinger Associates", die Beratung in strategischen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik anbietet.


Bereits 1973 erhielt Henry Kissinger für seine Bemühungen zur Beendigung des Indochinakrieges zusammen mit dem nordvietnamesischen Politiker Le Duc Tho, mit dem er monatelange Geheimverhandlungen in Paris geführt hatte, den Friedensnobelpreis.

Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung ehrte Kissingers akademisches, politisches und diplomatisches Lebenswerk im Jahr 1996 mit dem Franz Josef Strauß-Preis. Er ist der erste Preisträger und begann seine Dankesrede auf Deutsch mit den Worten: "Es bedeutet für mich viel, in meinem Heimatland geehrt zu werden – und mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, der den Namen meines Freundes Franz Josef Strauß trägt". Kissinger ist seit 1998 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Fürth und Gründungsmitglied der 2007 ins Leben gerufenen Bürgerstiftung Fürth. Anfang Mai 2010 kam er nach Fürth, wo er unter anderem sein Geburtshaus und seine ehemalige Schule besuchte, und der Enthüllung eines ihm zu Ehren angefertigten Porträts im Fürther Rathaus beiwohnte. Henry Kissinger verstarb mit 100 Jahren auf seinem Ruhesitz in Kent, Connecticut.


Aus der Serie "Gesichter unseres Landes" von der Hanns-Seidl-Stiftung

(Reinhard Meier-Walser)

Literatur

  • Evi Kurz: Die Kissinger-Saga. Fürth 2007.
  • Hanns-Seidel-Stiftung (Hg.): Franz Josef Strauß-Preis 1996. Dokumentation der Preisverleihung an Dr. Henry A. Kissinger am 21. Januar 1996. München 1996 (= Sonderausgabe der „Politischen Studien“).
  • Robert D. Schulzinger: Henry Kissinger – Doctor of Diplomacy. New York 1989.

GND: 11856255X