Biografien
Menschen aus Bayern

Henry (Heinz) Georg Brandt Rabbiner, Gründungsvorsitzender der Deutschen Rabbinerkonferenz

geboren: 25.09.1927, München
gestorben: 07.02.2022, Zürich

Wirkungsort: Augsburg

Der gebürtige Münchner Heinz Georg Brandt musste als Elfjähriger mit seiner Familie vor der NS-Herrschaft nach Palästina fliehen. Im Israelischen Unabhängigkeitskrieg (1947-1949) diente er als Marineoffizier. Am Leo-Beck-Institut in London ließ er sich bis 1961 zum Rabbiner ausbilden und wirkte anschließend in England, der Schweiz, in Hannover und Dortmund. Als Gemeinderabbiner der IKG Schwaben-Augsburg kehrte er 2004 in seine alte bayerische Heimat zurück, zuletzt war er Amtsrabbiner der IKG Bielefeld. Ab 1985 saß er 31 Jahre lang dem "Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit" vor. Im Jahr 2004 wurde Brandt zum Vorsitzenden der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) gewählt; er hatte das Amt bis Februar 2019 inne. Darüber hinaus war er Gründungsvorsitzender der 2005 ins Leben gerufenen Deutschen Rabbinerkonferenz. Rabbiner Brandt war für sein Charisma bekannt; er erhielt zahlreiche Auszeichnungen für das lebenslange Streben nach einem Dialog der Religionen.

Nach der NS-Machtübernahme, als sich in den zunehmend verschärften Gesetzgebungen des Regimes die Zeichen der Zeit zunehmend deutlicher äußerten, emigrierte die jüdisch-bayerische Familie Brandt von München über Großbritannien nach Palästina, wo sie in Tel Aviv unterkam. Der damals elfjährige Heinz Brandt besuchte in Palästina die Schule. Nachdem er im Israelischen Unabhängigkeitskrieg als Offizier gedient hatte, ging er für ein Studium der Betriebswirtschaft nach Großbritannien, wo er endgültig seinen Namen anglisierte. Nach nur kurzer Tätigkeit in der Automobilindustrie studierte Henry Brandt ab 1957 am Leo Baeck College in London. Brandt trat in England 1962 dem Bund der Freimaurer bei.

1966 wurde er zum Rabbiner ordiniert und wirkte zu Anfang in Leeds. 1971 begab er sich nach Genf, wo er bis 1978 Rabbiner einer internationalen jüdischen Gemeinde blieb, anschließend betreute er in Zürich als erster Rabbiner die neue liberale Kultusgemeinde "Or Chadasch" (hebr. Neues Licht). Nach einem Intermezzo in Göteburg (Schweden) war Brandt von 1983 bis 1995 Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen mit Sitz in Hannover, von 1995 bis 2004 Landesrabbiner von Westfalen-Lippe in Dortmund. Von 2004 bis zum März 2019 wirkte er als Gemeinderabbiner der IKG Schwaben-Augsburg und betreute zuletzt als Amtsrabbiner die IKG Bielefeld.

Von 1985 bis 2016 war Rabbiner Brandt jüdischer Präsident des "Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit". Der Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg verlieh ihm 1994 die Ehrendoktorwürde. Auch im "Gesprächskreis Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken bemühte er sich jahrzehntelang um einen konstruktiven Dialog.

Im Jahr 2004 wurde Brandt zum Vorsitzenden der nicht-orthodoxen Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) gewählt; er hatte das Amt bis Februar 2019 inne. Darüber hinaus berief ihn die neue, strömungsübergreifende Deutsche Rabbinerkonferenz im Jahr 2005 zu ihrem Gründungsvorsitzenden. Dass Henry Brandt bis ins hohe Alter durch sein großes Charisma, Wortwitz, Optimismus beeindrucken konnte, lag an einer grundlegenden Empathie zu anderen Menschen zu tun. Anlässlich seines 90. Geburtstags sagte er: "Das Leben, das sind die Menschen um einen, und Erfolge sind immer geteilt". Rabbiner Dr. Henry Brandt starb mit 94 Jahren, nachdem er bereits einige Jahre unter starker Mobilitätseinschränkungen gelitten hatte. Er wurde in seiner nie vergessenen alten Heimat beigesetzt und ruht auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Schwabing.

Rabbiner Henry Brandt ist auf vielfache Weise geehrt worden. 2005 zeichnete ihn die Stiftung Zentralinstitut Islam-Archiv mit dem Muhammad-Nafi-Tschelebi-Preis aus. 2007 erhielt er zusammen mit seinen Mitstreitern Rabbiner William Wolff und Ernst Ludwig Ehrlich den Israel-Jacobson-Preis der Union progressiver Juden in Deutschland. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhielt er 2008, den Bayrischen Verdienstorden 2014, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Augsburg 2015 und den Estrongo Nachama Preis für Toleranz und Zivilcourage 2019. 


(Patrick Charell)


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