Biografien
Menschen aus Bayern

Hans Lamm Schriftsteller, Dolmetscher und Journalist, Präsident der IKG München

geboren: 08.06.1913, München
gestorben: 23.04.1985, München

Wirkungsort: München | Nürnberg | New York | Düsseldorf

1932/33 begann der im Münchner Stadtteil Lehel geborene Hans Lammm ein Studium der Rechte und der Zeitungswissenschaft. 1938 emigrierte er mit seiner Familie in die USA, dort studierte er bis 1941 an der Universität von Kansas City und fand in der Sozialarbeit seine Berufung. 1945 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete als Dolmetscher am Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. 1951 folgte die Promotion an der Universität Erlangen mit einer Arbeit über "Innere und Äußere Entwicklung des Judentums 1933-45". Von 1955 bis 1961 arbeitete Lamm als Kulturdezernent für den Zentralrat der Juden in Deutschland. 1970-85 war er Vorsteher der IKG München und Vorstandsmitglied im Zentralrat. Seine Arbeit war vom Bemühen um Aufklärung und langfristige Versöhnung geprägt.

Der Sohn des Metallhändlers Ignaz Lamm (1875-1944) aus Buttenwiesen und Martha geb. Pinczower (1884-1931) verbrachte mit seinem älteren Bruder Heinrich die Kindheit und Jugend im Münchener Stadtteil Lehel. Die Familie wohnte in der Bruderstraße 12 und gehörte der orthodoxen Gemeinde an, deren Gotteshaus Ohel Jakob (Zelt Jakobs) an der nahe gelegenen Herzog-Rudolf-Straße 1 stand. Hans Lamm besuchte die Volksschule an der Türkenstraße und legte 1932 das Abitur am naturwissenschaftlich-technischen Luitpold-Gymnasium ab. Seine Mutter, die dem ostjüdischen Kulturkreis entstammte, weckte in ihm schon früh die Begeisterung für Fremdsprachen und unterstützte auch die ersten Schreibversuche des 15jährigen in der Schülerzeitung "Das Band". Das Verhältnis zum strengen, wenn auch musisch nicht unbegabten Vater blieb distanziert. Dieser widmete sich lieber seiner bekannten Sammlung jüdischer Ritualien und seiner umfangreichen Bibliothek, als dem persönlichen Befinden seines Sohnes. Im Jahr 1932 begann Hans Lamm ein Jurastudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erkannte aber nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, dass es für ihn als Jude in diesem Berufsstand keine Perspektiven geben würde. Er wechselte und belegte ein Semester Zeitungswissenschaft. Von 1933 bis 1937 schrieb er für das "Israelitische Familienblatt" in Hamburg sowie diverse jüdische Gemeindeblätter. Zunehmend engagierte sich Lamm auch in der Wohlfahrts- und Erziehungsarbeit der IKG München. 1937 ging er nach Berlin, um an der "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums", einer Jeschiwa, Judaistik zu studieren. 

Am 16. Juli 1938 emigrierte Hans Lamm mit seinen Eltern in die USA nach Kansas City, wo sein Bruder Heinrich bereits seit zwei Jahren lebte und als Mediziner arbeitete. Die finanzielle Lage der Flüchtlinge war ungleich schlechter als in Deutschland vor der NS-Machtübernahme.

Hans Lamm arbeitete für 10 USD Wochenlohn in einem Drugstore. Sprachschwierigkeiten hatten jedoch weder er noch sein Bruder, da beide schon vor der Emigration am Gymnasium Englisch gelernt hatten. Nach einem Jahr trennte sich die Familie, Hans Lamm nahm sein Studium wieder auf. Er war von seiner Arbeit im jüdischen Waisenhaus von Kansas City begeistert, das größtenteils aus Nazi-Deutschland geflohene Minderjährige beherbergte, und fand in der Sozialarbeit seine Berufung. Lamm studierte von 1939 bis 1941 Soziologie und wechselte nach seinem M.A.-Abschluss an die Washington University, die er 1942 als Master of Social Works verließ. Bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland 1945 arbeitete er in diversen amerikanisch-jüdischen und zionistischen Wohlfahrtsinstitutionen. 

Unmittelbar nach Kriegsende bot ihm die "American Jewish Conference" eine Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren. Als Repräsentant der "United Nations Relief and Rehabilitation Administration" (UNRRA) kam er im Juni 1945 nach München. Mit aller Kraft kämpfte er für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den DP-Lagern, betroffen machte ihn aber auch die allgemeine schlechte Versorgungslage. Anfang 1946 zog Hans Lamm nach Nürnberg und arbeitete bis zur Beendigung seines Judaistik-Studiums an der Erlanger Universität als Übersetzter beim Internationalen Militärtribunal. Schon damals zeigte sich seine "Bewunderung und Schrecken" hervorrufende Fähigkeit, tausend Dinge gleichzeitig und doch mit stets gerecht verteilten Einsatz zu erledigen. Lamm war maßgebend am Auf- und Ausbau des Nürnberger "German American Youth Club" beteiligt. Seiner Meinung nach war es die vordringlichste Aufgabe derjenigen, welche die Untaten der Hitler-Herrschaft miterlebt hatten, die deutsche Jugend zu Kritikfähigkeit und Mut zum Widerspruch zu erziehen. Hans Lamm arbeitete in dieser Zeit auch wieder verstärkt auf journalistischem gebiet. Er war Auslandskorrespondent verschiedener Presseagenturen und Zeitungen. Für den "Aufbau" (New York City) berichtete er von den Nürnberger Prozessen und über den Wiederaufbau jüdischer Gemeinden in Deutschland. Er stellte erste Kontakte zu den „Nürnberger Nachrichten“ her, für die er als Amerika-Korrespondent tätig wurde. Mit dem Herausgeber dieser Zeitung, Joseph Drexler, verband ihn eine jahrelange Freundschaft. Am 25. Juli 1951 legte er in Erlangen seine Dissertation vor: "Über die innere und äußere Entwicklung des deutschen Judentums im Dritten Reich". Sie zählt zu den Pionierarbeiten zur jüdischen Geschichte während des Nationalsozialismus.

Hans Lamm kehrte noch einmal in die USA zurück. In Scranton (Pennsylvania) leitete er von 1951 bis 1953 Abteilungen des "Jewish Community Council" und des "Community Chest". Anschließend wechselte er nach New York an das "American Jewish Historical Society und American Tercentary".

Als Kulturdezernent des Zentralrats der Juden in Deutschland kehrte er 1955 nach Deutschland zurück und ließ sich in Düsseldorf nieder. 1960 bot sich ihm die Gelegenheit, als Abteilungsleiter der Münchner VHS zu arbeiten. Diese Stellung übte er bis zu seiner Pensionierung 1976 aus. Der Kreis schloss sich wieder in München. Von 1970 bis zu seinem Tod 1985 hatte er das Amt des Präsidenten der IKG Münchens inne. Nahezu zwei Jahrzehnte war er auch Mitglied des Kuratoriums der "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit". Für seine journalistischen Leistungen auf dem Gebiet der Förderung des christlich-jüdischen Gespräches wurde er 1967 mit dem Joseph-E.-Drexel-Preis ausgezeichnet. Im Jahr 2008 erschien eine Biographie von Andrea Sinn, und zu seinem 100. Geburtstag 2013 organisierte die IKG München mehrere Gedenkeranstaltungen.


Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 321-324.


(Brigitte Schmidt | bearb. Patrick Charell)

Literatur

  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 353.
  • Andrea Sinn: "Und ich lebe wieder an der Isar". Exil und Rückkehr des Münchner Juden Hans Lamm. München 2008 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 1).
  • Brigitte Schmidt: Hans Lamm (1913-1985), Präsident der israelitischen Kultusgemeinde München. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 321-324.

GND: 116653922