Gertrude Fehr (eigentlich Fehr-Fuld) war eine Pionierin der modernen Kunstfotografie. Die gebürtige Mainzerin erlernte in München die Grundlagen der Technik und eröffnete in Schwabing ihr erstes Studio. Zusammen mit ihrem Lebenspartner, dem Schweizer Maler Jules Fehr (1890-1971), emigrierte sie 1933 nach Frankreich, wo sie auch heirateten. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste das Ehepaar in die Schweiz fliehen. Dort gründeten sie eine Schule für Fotografie, wo Gertrude Fehr eine ganze Generation erfolgreicher KünstlerInnen inspirierte. Ab 1960 arbeitete sie wieder als selbstständige Fotografin und porträtierte die internationale Prominenz. Ihre Werke bereichern heute unter anderem den Photo Elysée (Lausanne), das Museum Folkwang (Essen) sowie das Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum.
Gertrude Fehr-Fuld wurde als zweite Tochter in eine gutbürgerliche jüdisch-deutsche Familie geboren. Ihre Eltern, Charlotte geb. Cohen (1872-1956) und der erfolgreiche Jurist Dr. Ludwig Fuld (1859-1935) unterstützten ihre kreative Veranlagung. Von 1918 bis 1921 ließ sich die junge Frau im Studio des Münchner Fotografen Eduard Wasow ausbilden. 1923 machte sie sich mit dem Schwabinger "Atelier Fuld" selbstständig (Franz-Joseph-Straße 7) und konzentrierte sich auf künstlerische Porträtaufnahmen und Theaterfotografie. In diesem Zusammenhang lernte sie den Schweizer Maler Jules Fehr (1890-1971) kennen. Beide gingen nach der NS-Machtübernahme im Jahr 1933 nach Paris und heirateten dort. Im Jahr darauf eröffnete Gertrude Fehr die Fotoschule "PUBLI-Phot". Inspiriert vom bedeutenden US-amerikanischen Fotografen Man Ray (1890-1976) begann Gertrude Fehr-Fuld in ihren Arbeiten mit grafischen Techniken zu experimentieren. Sie konnte auf der Pariser Weltausstellung 1937 ausstellen und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt.
Nach Kriegsbeginn im Jahr 1939 emigrierte das Ehepaar Fehr-Feld in die neutrale Schweiz. In Lausanne eröffneten sie die gemeinsam betriebene Fotoschule "École Fehr" eröffneten, die fünf Jahre später mit der "École des Arts et Métiers" zur "École de photographie" in Vevey am Genfersee verschmolz. Dort unterrichtete Gertrude Fehr-Fuld bis 1960 in den Bereichen Porträt, Mode, Werbung und Reportage. Zu den Schülern von Gertrude Fehr zählte eine ganze Generation herausragender KünstlerInnen. Sie alle waren von ihrem experimentellen Stil beeinflusst: Die surrealistische Fotografin Henriette Grindat (1923-1986), Luc Chessex (*1936), der Ernesto "Che" Guevara mit seinem Schnappschuss weltberühmt machte, die Fotojournalistin Monique Jacot (*1934) und der große Modefotograf Jeanloup Sieff (1933-2000). Nach ihrer Lehrtätigkeit arbeitete Gertrude Fehr wieder als selbstständige Fotografin; beinahe unüberschaubar ist die internationale Prominenz, die sich im Lauf der Jahre von ihr porträtieren ließ: Pablo Picasso, Georges Simenon, Max Frisch, Aretha Franklin, Audrey Hepburn, Peter Ustinov und viele andere.
Gertrude Fehr-Feld starb mit 101 Jahren in der Schweiz. Obwohl sie zur ersten Generation der weiblichen Profi-Fotografinnen zählte und eine ganze Epoche der modernen Kunstfotografie entscheidend mitprägte, blieb sie in Deutschland lange Zeit vergessen. Erst in den 1980er Jahren wurde ihr Oeuvre wiederentdeckt und seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt. Ihre Werke bereichern heute unter anderem das Centre Pompodou (Paris), das Museum Folkwang (Essen) sowie das Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum, viele weitere befinden sich im Privatbesitz oder liegen vereinzelt in diversen Sammlungen.
(Patrick Charell)
Literatur
- Jüdisches Museum München / Tatjana Neef (Hg.): AK Unbelichtet. Münchner Fotografen im Exil [Dt.-Eng.]. München 2010, S. 125f..
- Stadtmuseum München / Oswald Ruppen, Walter Boje (Hg.): AK Gertrude Fehr. Fotografien seit 1918. München 1980.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 12947522X