geboren: 19.07.1809,
Fürth
gestorben: 13.05.1885,
Göttingen
Wirkungsort:
Bonn | Heidelberg | Zürich | Göttingen
Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Fürth entstammte einer politisch aktiven und recht früh assimilierten Familie. Nach einem Studium der Medizin in Bonn und Heidelberg promovierte er 1832 Promotion. Anschließend wurde er Gehilfe und Prosektor seines Lehrers Johannes Müller am Anatomischen Museum in Berlin. 1837 folgte die Habilitation und 1840 der Ruf als außerordentlicher Professor an der Universität Zürich. 1844 wechselte er als Professor der Anatomie an die Universität Heidelberg, wo er 1849 Direktor des Anatomischen Instituts wurde. Ab 1852 lehrte er als Professor an der Universität Göttingen. Prof. Jakob Henle leistete grundlegende Forschungen zur Pathologie und Anatomie, u.a. die Entdeckung der nach ihm benannten Henle'schen Schleife der Nierenkanälchen. Seine These zu Krankheitserregern bildete die Grundlage für die Forschung seines Schülers Robert Koch. Seine 'Allgemeine Anatomie' (1841) lieferte entscheidende Anregungen für die Entwicklung der modernen Histologie. Seit 1858 war er Mitglied der Deutschen Gesellschaft der Naturforscher in der Leopoldina zu Halle. Prof. Jakob Henle war zweimal verheiratet und hatte sechs Kinder. Seine erste Ehe mit dem Dienstmädchen Elise Egloff (1821-1848) galt als Skandal und inspirierte literarische Werke wie "Die Frau Professorin" von Berthold Auerbach (1846).
Friedrich Gustav Jakob Henle (Rufname: Jakob) Henle, Spross einer angesehenen jüdische Kaufmannsfamilie in Fürth. Sein Onkel Elkan Henle (1761-1833) war ein früher Streiter für die jüdische Emanzipation. Wegen der damals noch fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten für Juden in Bayern siedelte die Familie in das liberalere Rheinland über. 1828 begann Jakob sein Medizinstudium in Bonn und promovierte 1832. Zum Staatsexamen wechselte er 1833 nach Berlin, wo er 1834 als Prosektor an der Medizinisch-Chirurgischen Militär-Akademie arbeitete und sich 1837 habilitierte. 1840 wurde Henle Professor und Direktor des anatomischen Instituts an der neu gegründeten Universität Zürich.
Berufliche und antisemitische Konflikte an der Universität Zürich führten dazu, dass Jakob Henle 1844 an die Universität Heidelberg wechselte, wo er zunächst neben Friedrich Tiedemann unterrichtete. Henles Interesse an der neuartigen mikroskopischen Anatomie sorgte für Spannungen mit Tiedemann, der eher traditionell orientiert war. Bereits 1840 vermutete Henle lebende Erreger als Ursache von Infektionskrankheiten. Nach der Deutschen Revolution von 1848/49 und dem Rücktritt Tiedemanns übernahm Henle die Institutsleitung. 1852 wechselte er nach Göttingen, wo er bis zu seinem Tod 1885 erfolgreich lehrte und forschte. Er hatte in Zürich die Dienstmagd Elise Egloff kennen gelernt und heiratete sie, obwohl dies in der Gesellschaft jener Zeit als skandalöse "Mesalliance" galt. Henles Privatleben inspirierte mehrere literarische Werke, darunter Berthold Auerbachs "Die Frau Professorin" (1846) und Gottfried Kellers "Regine" (1881). Sein Briefwechsel mit Elise Egloff wurde 2004 als "Mein lieber, böser Schatz" veröffentlicht.
Ab 1844 gab Jakob Henle zusammen mit Karl Pfeufer die "Zeitschrift für rationelle Medicin" heraus, um die Medizin und insbesondere die Pathologie mithilfe mikroskopischer Erkenntnisse zu erneuern. Nach dem Tod seiner ersten Frau Elise 1848 heiratete er Marie Richter (1827-1866). Aus beiden Ehen gingen sechs Kinder hervor. 1853 wurde Henle Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften, 1858 Mitglied der Leopoldina. 1855 veröffentlichte er den ersten Band seines "Handbuchs der systematischen Anatomie des Menschen", das auf den den präparatorischen Arbeiten seines Assistenten Ludwik Teichmann (1823-1895) beruhte.
Henle etablierte die mikroskopische Anatomie als festen Bestandteil der medizinischen Ausbildung. Seine Forschung konzentrierte sich auf das Epithelgewebe. Er entdeckte das Zylinderepithel des Darmkanals, die Henlesche Schleife der Nierenkanälchen und die Henlesche Scheide (Endoneuralscheide). Er definierte den Begriff "Epithel" als Überbegriff für alle Deckgewebe und beschrieb die nach ihm benannte innere Wurzelscheide des Haares, die für dessen Regeneration wichtig ist. Wichtige Werke aus seiner Hand sind "Pathologische Untersuchungen" (1840), "Handbuch der rationellen Pathologie" (1846-53) und das "Handbuch der systematischen Anatomie des Menschen" (1855-71).
Eine Gedenktafel wurde bereits vor 1888 an Jakob Henles früherem Wohnhaus in Göttingen angebracht, jedoch 1942 in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Herkunft entfernt. Nach dem Sturz der NS-Diktatur wurde die Gedenktafel erneut angebracht. Auch am Geburtshaus Henles in der Helmstraße 9 in Fürth befindet sich eine Gedenktafel. Das anatomische Institut zu Heidelberg ehrte Henle mit einer Büste im ersten Obergeschoss vor dem Präpariersaal. Die medizinische Fakultät der Universität Göttingen verleiht ihm zu Ehren jährlich die Jacob-Henle-Medaille. Ein medizinisches Zentrum in Lünen nennt sich Jakob Henle Haus, gleichfalls ein Dialysezentrum in Fürth, das auch ein Museum beherbergt.
(Patrick Charell)
Literatur
- Georg B. Gruber: "Henle, Jakob". In: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 531-532.
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