Franz Kafka gilt als einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Er entstammte einer deutsch-jüdischen, weitgehend assimilierten Familie und wuchs in der bürgerlichen Gesellschaft von Prag auf. Nach seinem Jurastudium arbeitete er als Gutachter für eine Versicherungsgesellschaft – ein "Brotberuf", wie Kafka es selbst ausdrückte. In seiner Freizeit schrieb er eine Vielzahl von Erzählungen, die oft Gefühle der Entfremdung und Isolation thematisieren. Seine bekanntesten Werke sind "Die Verwandlung" (1915), "Der Prozess" (posthum 1925) und "Das Schloss" (posthum 1926). Seine Beziehung zu München ist lose, aber biographisch relevant: Im Jahr 1903 hatte Kafka einen Wechsel an die Ludwig-Maximilians-Universität München erwogen. Er hielt sich 1908, 1912, 1913 und 1920/1921 in der Landeshauptstadt auf, außerdem erschienen in der Münchner Literaturzeitschrift "Hyperion" seine frühesten Veröffentlichungen. In der Galerie Goltz am Odeonsplatz hielt Franz Kafka eine von nur zwei öffentlichen Lesungen in seinem Leben.
Die jüdische Identität spielte im Leben von Franz Kafka keine unmittelbare Rolle, beeinflusste jedoch sein gesamtes literarisches Schaffen. Seine Eltern, Hermann Kafka (1852-1931) und Julie geb. Löwy (1856-1934), entstammten bürgerlichen, deutschsprachigen Kaufmannsfamilien. Auch für Franz war eine gesellschaftsfähige Karriere angedacht, für seine Berufung zum Schreiben hatte die Familie daher wenig Verständnis. Das schwierige Verhältnis thematisierte Kafka in seinem "Brief an den Vater" (posthum 1952). Wie sehr viele junge Juden am Ende des 19. Jahrhunderts stand auch Franz Kafka im Spannungsverhältnis zwischen jüdischer Tradition und deutscher Identität. Er kritisierte die weitgehende Assimilierung der Elterngeneration (das "Nichts an Judentum") und hatte Sympathien für die Chassidim in Osteuropa, fühlte sich jedoch auch der deutschen Kultur eng verbunden. In einem Brief an seinen Freund Max Brod (1884-1968) beschrieb Kafka im Juni 1921 dieses Dilemma der deutsch-jüdischen Schriftsteller – und meinte damit natürlich sich selbst:
"Weg vom Judentum, meist mit unklarer Zustimmung der Väter (diese Unklarheit war das Empörende), wollten die meisten, die deutsch zu schreiben anfingen, sie wollten es, aber mit den Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des Vaters und mit den Vorderbeinchen fanden sie keinen neuen Boden. Die Verzweiflung darüber war ihre Inspiration. [...] Sie lebten zwischen drei Unmöglichkeiten [...]: der Unmöglichkeit, nicht zu schreiben, der Unmöglichkeit, deutsch zu schreiben, der Unmöglichkeit, anders zu schreiben, fast könnte man eine vierte Unmöglichkeit hinzufügen, die Unmöglichkeit zu schreiben [....], also war es eine von allen Seiten unmögliche Literatur, eine Zigeunerliteratur [sic], die das deutsche Kind aus der Wiege gestohlen und in großer Eile irgendwie zugerichtet hatte, weil doch irgendjemand auf dem Seil tanzen muss".
"Nur beim Freiheitsmonument mit seinen im Regen klatschenden Fontänen ist längerer Aufenthalt gegönnt ... Das Deutlichste sind die unverhängten großen Fenster des Restaurants 'Vier Jahreszeiten', dessen Name uns als des elegantesten irgendwie bekannt war. Verbeugung eines livrierten Kellners vor einer Tischgesellschaft. Brücke über die nur geahnte Isar. Schöne herrschaftliche Villen längs des Englischen Gartens. Ludwigstraße, Theatinerkirche, Feldherrnhalle, Pschorrbräu. Dann Sendlinger Tor und zurück zum Bahnhof" (Reisetagebuch, 28. März 1911). Frank Kafka hielt sich öfters zu Besuch in München auf, in den Jahren 1908, 1912, 1913, 1920 und 1921. Seine persönlichen Eindrücke blieben zwar oberflächlich, dennoch ist die bayerische Landeshauptstadt für seine Biografie bedeutend:
Franz Kafkas früheste Veröffentlichungen erschienen in der Münchner Zweimonatszeitschrift "Hyperion" herausgegeben. Bereits im ersten Heft (März 1908) wurden acht Prosaminiaturen unter dem Titel "Betrachtung" abgedruckt, im März/April 1909 folgten das "Gespräch mit dem Beter" und das "Gespräch mit dem Betrunkenen". Als der "Hyperion" 1910 eingestellt wurde, verfasste Kafka für die Prager Tageszeitung "Bohemia" einen literarischen Nachruf.
Nur zwei Mal konnte Kafka dazu überredet werden, öffentlich aus seinen Werken vorzulesen. Einmal in Prag, im heutigen Hotel Europa am 4. Dezember 1912, und in München, wo er in der "Galerie Goltz" (Briennerstraße 8) am 10. November 1916 seine noch ungedruckte Erzählung "In der Strafkolonie" zu Gehör brachte. Es kamen kaum 50 Gäste, am nächsten Morgen hagelte es Verrisse: "Ich war hingekommen mit meiner Geschichte als Reisevehikel, in eine Stadt, die mich außer als Zusammenkunftsort und als trostlose Jugenderinnerung gar nichts anging, las dort meine schmutzige Geschichte in vollständiger Gleichgültigkeit, kein leeres Ofenloch kann kälter sein, war dann, was mir hier selten geschieht, mit fremden Menschen beisammen [...]" (Brief an Gottfried Kölwel, Dezember 1916). Immerhin konnte er seine damalige Verlobte Felice Bauer treffen, die extra aus Berlin anreiste. Ihrem Zusammenkommen war ein wochenlanger Briefwechsel vorausgegangen. Beide wohnten im Hotel "Bayerischer Hof" (Promenadenplatz 2-6), allerdings in getrennten Zimmern.
Zum Festjahr "KAFKA2024" wurde in der Villa Stuck anlässlich des hundertsten Todestages von Kafka eine große Sonderausstellung mit Werken zeitgenössischer Künstler präsentiert. Die Aspekte Galerie der VHS im Gasteig inszenierte für die Ausstellung "Du bist die Aufgabe - Kafka in Zitaten" ausgewählte Sätze des Schriftstellers. Das Jüdische Museum München widmete Kafkas Schwestern Gabriele verh. Hermann (1889-1942),Valerie verh. Pollak (1890-1942) und Ottilie verh. David (1892-1943) eine Installation des Künstlers Sebastian Jung. Auch die Sudetendeutsche Stiftung zeigte in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Literaturmuseum die literarische und biografische Ausstellung "Kafkas Spiele".
(Patrick Charell)
Literatur
- Alfons Schweiggert: Kafka in München. Zwischen Leuchten und Finsternis. 2. erw. Aufl. München 2024.
- Hartmund Binder / Roland Reuß, Peter Staengle (Hg.): Auf Kafkas Spuren. Gesammelte Studien zu Leben und Werk. Göttingen 2023.
- Jozo Džambo: Böhmische Spuren in München. Geschichte, Kunst und Kultur. München 2020.
- Harald Salfellner: Franz Kafka und Prag. 6. Aufl. Prag 2007.
- Franz Kafka: Die Erzählungen. Hg. v. Roger Hermes. Frankfurt am Main 2007, hier S. 539-546.
- Max Brod (Hg.): Franz Kafka – Briefe 1902-1904. Frankfurt am Main 1958.
Weiterführende Links
- Tabellarischer Lebenslauf von Franz Kafka (Deutsches Historisches Museum)
- Kafkas Schwestern, Ausstellung 18. Januar– 29. September 2024 (Jüdisches Museum München)
- Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek: Franz Kafka über München (Literatur Portal München)
- Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek: Franz Kafka über München II (Literatur Portal München)
- Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek: Franz Kafka über München III (Literatur Portal München)
Quellen
GND: 118559230