geboren: 05.11.1884,
Bamberg
gestorben: 26.01.1956,
Tel Aviv
Wirkungsort:
Bamberg | München | Berlin
Wie sein sein Vater Adolf Theilhaber (1854-1936) studierte Dr. med. Felix Aron Theilhaber Medizin, wobei er sich auf Haut- und Geschlechtskrankheiten spezialisierte. Im Gegensatz zu seinen Eltern identifizierte sich Felix Theilhaber sehr stark als Jude und begeisterte sich später für den Zionismus. Als Arzt entwickelte er eine umstrittene medizinisch-volkswirtschaftliche Theorie zum Niedergang des Landjudentums und sah die Hauptursache im Geburtenrückgang der angepassten jüdischen Minderheit. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt und veröffentlichte angesichts eines wachsenden Antisemitismus das Buch "Jüdische Flieger im Kriege" (1919). Außerdem schrieb er mit Unterstützung seiner Frau Stefanja geb. Czaplinska (*1885) zahlreiche Werke zur jüdischen Kultur, zur Sexualforschung und der Volksgesundheit am Beispiel der Metropole Berlin. 1935 emigrierte die Familie nach Palästina. Dort baute Dr. Theilhaber unter anderem die Krankenkasse "Maccabi" auf, die noch heute besteht.
Felix Aron Theilhaber entstammte einer gänzlich akkulturierten, jüdischen Familie des Bamberger Großbürgertums. In ihrem Tagebuch beschreibt Felix' Mutter, die Münchnerin Therese geb. Cohen (), große Weihnachts- und Silvesterfeiern, Faschingsfeste und luxuriöse Ausflüge in die Sommerfrische. Aus einem ganz anderen Milieu kam sein Vater Dr. med. Adolf Theilhaber (1854-1936). Er wurde in die ärmliche jüdische Landgemeinde in Niederwerrn geboren, konnte jedoch aus eigener Kraft studieren und etablierte sich als anerkannter Arzt, Gynäkologe, Hofrat und Forscher. Obwohl Felix Aron Theilhaber also säkular aufwuchs, mag ihn die Karriere des Vaters mit zum Anlass gekommen sein, bereits in einem seiner frühesten Aufsätze den Untergang des Landjudentums zu konstatieren und damit ein Thema anzuschneiden, das zu einem der zentralen Themen seiner späteren Arbeit wurde.
Bereits als Knabe kritisierte er, dass seine Eltern und Verwandten Weihnachten feierten anstatt Chanukka. Im Jahr 1900 trat er entgegen dem Willen seiner Familie in die gerade erst gegründete Zionistische Ortsgruppe Bamberg ein, die ihm eine bislang verschlossene ost-jüdische Welt eröffnete. Trotzdem gab sich Theilhaber keinen Illusionen hin: Die Rückbesinnung auf ein osteuropäisch geprägtes Aschkenas würde nicht die Probleme der Juden in Mittel- und Westeuropa lösen können. 1901 wurde er als Medizinstudent ein Mitbegründer der Ortsgruppe der jüdischen Turnerschaft in München und engagierte sich auch während des weiteren Studiums für den jüdischen Sport. Er gründete den Makkabi Sportverein, die jüdische Studentenverbindung "Jordania" [sic] und damit das "Kartell zionistischer Verbindungen" sowie den "Herzl-Bund" (benannt nach Theodor Herzl, 1860-1904) für zionistisch gesinnte Kaufleute, da er eine breitere Wirkung außerhalb der akademischen Kreise anstrebte.
Im Jahr 1906, während seines ersten Semesters an der LMU München, konnte Felix Aron Theilhaber das erste Mal Palästina bereisen. Damals gehörte der biblische Landstrich noch zum bröckelnden Osmanischen Reich gehörte. Er arbeitete, um sich den Aufenthalt zu verdienen, und wanderte zu Fuß von Jaffa nach Haifa. Die Rückständigkeit und Kargheit des Landes versetzten der Begeisterung einen Dämpfer. Vieles war noch zu tun, ehe aus einer vernachlässigten türkischen Provinz wieder das Land Israel werden konnte. Sein Vater war gegen diese Wanderschaft und rief ihn nach Deutschland zurück. Noch im Herbst des selben Jahres reiste Theilhaber nach Polen in das "städterle Belz", um einen berühmten Wunderrabbiner zu treffen. Auch hier erlebte Theilhaber eine Enttäuschung, weil zwei Kulturen und Weltanschauungen aufeinander prallen. Der Rabbiner hatte für Zionismus, Teilhabe an der Politik und den aktiven Kampf gegen Antisemitismus nicht nur kein Verständnis (im wahrsten Sinne des Wortes), sondern reagierte nur mit Unwillen und mystizistischen Plattitüden. Felix Theilhaber erkannte, dass es auf absehbare Zeit keine gemeinsame Linie geben könne und konzentrierte sich in Zukunft ausschließlich auf das emanzipierte Westjudentum.
1907 gründete Felix A. Theilhaber die Zeitschrift "Palästina", um für den praktischen Zionismus zu werben. Drei Jahre lang war er Verleger, Redakteur und Administrator des Blattes. 1910 schloss Theilhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität sein Studium ab und promovierte mit der Dissertation "zur Lehre von dem Zusammenhange der sozialen Stellung und der Rasse mit der Entstehung der Uteruscarcinome", die den Forschungsinteressen des Vaters entsprach, zugleich aber eigene Untersuchungen zur jüdischen Bevölkerung mit einbezog. Eine mögliche zweite Dissertation in der Volkswirtschaftslehre lehnte Theilhaber auf Wunsch des Vaters hin ab, weil sich dieser wenigstens einen seiner Söhne als Nachfolger wünschte (der ältere Sohn Robert war Jurist geworden). Jedoch ermöglichte ihm Prof. Georg von Mayr (1841-1925) die Publikation des Buches "Der Untergang der deutschen Juden. Eine volkswirtschaftliche Studie" (1911), das einen Skandal auslöste. Er definierte die Stärke und Überlebensfähigkeit des jüdischen Volkes mit dessen Kinderreichtum im Dienste Gottes (Seid fruchtbar und mehret euch, 1 Mose 1,28), und benannte den nachweisbaren Geburtenrückgang, Mischehen und Konversionen als Hauptursache des Untergangs der jüdischen Landgemeinden. In den Augen von Dr. Theilhaber war also der gesamte Prozess der Assimilation ein Irrweg, weil dadurch die kleine Minderheit der Juden unausweichlich von der großen, christlich-säkularen Bevölkerung absorbiert und seine Identität verlieren würde. Dies wäre nur durch den Zuzug lebendiger jüdischer "Volkskräfte" aus dem Osten aufzuhalten, und durch eine nationale Erneuerung auf dem Boden der alten Heimat in Palästina. Der zweiten Auflage seines Buches im Jahr 1921 fügte Theilhaber eine Auswahl der publizierten Rezensionen und kritischen Gegendarstellung hinzu. Orthodoxe und Liberale, selbst Zionisten lehnten seine Prognosen ab, was den Autor jedoch weder entmutigte noch beirrte.
Noch zwei Mal hielt sich Theilhaber in Palästina auf, einmal als Arzt beim "Roten Magen David" im Tripolitanienkrieg 1911/12 und im Balkankrieg 1911/12, wo er für das Deutsche Rote Kreuz eine Station in Adrianopel leitete. Doch seine Hoffnung, dass er sich als verabschiedeter osmanischer Stabsoffizier in Palästina niederlassen könnte, erfüllten sich nicht. Nach seiner Rückkehr setzte er seine volkswirtschaftlichen Studien fort: "Das sterile Berlin" und "Die Schädigung der Rasse durch soziales und wirtschaftliches Aufsteigen, bewiesen an den Berliner Juden" erschienen 1913. Durch die schockierend engen ungesunden Bedingungen der Berliner Bevölkerung, die er als junger Arzt erlebte, schloss er auf den Bevölkerungsrückgang von Berlin. Im selben Jahr entschloss er sich zur Gründung der Gesellschaft für Sexualreform (Gesex) in der Berliner Bülowstraße 89. Helene Stöcker hatte 1905 schon den Bund für Mutterschutz gegründet. Er agitierte für Geburtenkontrolle und gegen die Kriminalisierung von Abtreibung und Homosexualität. Er schrieb ein Buch nach dem anderen und gehörte zusammen mit Magnus Hirschfeld und Wilhelm Reich zu den Pionieren der Sexualreformbewegung.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Dr. Felix Aron Theilhaber einberufen. Er diente als Feldarzt in Flandern und an der Ostfront,1915 erhielt er das Eiserne Kreuz 2. Klasse und 1918 das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Er fand aber dennoch die Zeit, Material für zwei weitere Bücher zu sammeln: "Die Juden im Weltkriege mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Deutschland" erschien 1916 und warb um Verständnis für die unterdrückten Ostjuden, deren Leiden er in Kurland (heute in Lettland) kennen gelernt hatte. Gegen die neu einsetzende antisemitische Hetze, die Juden als feige Drückeberger diffamierte und im deutschen Heer zur sog. "Judenzählung" führte, trat Theilhaber mit der Schrift "Jüdische Flieger im Kriege" (1919 und 1924) an, die er dem "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" widmete. Noch während des Krieges heiratete Theilhaber die gebürtige Polin Stefanja (Stephanie) geb. Czaplinska (*1885), die sich als wertvollste Unterstützerin seiner publizistischen Arbeit erwies. Ohne sie hätte er das enorme Arbeitspensum aus Praxistätigkeit, Eheberatung, organisatorische und schriftstellerische Arbeit gar nicht mehr bewältigen können. Er dankte ihr in fast jeder weiteren größeren seiner Publikationen. In den wirtschaftlich schwierigen Inflationsjahren ließ sich Dr. Theilhaber als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten endgültig in Berlin nieder und arbeitete nebenbei an einer zweibändigen "Geschichte des jüdischen Volkes".
Alle Aktivitäten endeten mit der NS-Machtübernahme 1933: Als Jude, erklärter Zionist und Sexualforscher war er den neuen Herrn im Lande gleich dreifach verhasst. Am 30. Mai 1933 wurde Theilhaber mit 50 weiteren prominenten Ärzten von der Gestapo verhaftet und zwei Monate lang in Plötzensee festgehalten. Seine Organisation wie auch weitere Einrichtungen der Sexualwissenschaft und -reform wurden aufgelöst und zerstört. 1935 wanderte Felix Aron Theilhaber mit seiner Familie nach Palästina aus. Theilhaber ging schließlich 1935 nach Palästina, wo er jedoch keine Anstellung fand und von seinen Ersparnissen leben musste. Aus dieser Situation heraus und in Verbundenheit mit der Makkabi-Bewegung, die ihre Aufgabe im Schutz der Gesundheit des jüdischen Volkes sah, entschloss er sich, eine Alternative zum System der Kupat Cholim Krankenkasse zu schaffen. Er wollte nicht nur "ein neutrales Institut entstehen lassen, sondern auch eine Schutzorganisation vor Krankheiten, die den Bedürfnissen des Landes und seiner Bevölkerung in einer Weise angemessen sein sollte, wie sie bisher nicht bestanden hatte", so Theilhaber selbst zehn Jahre später. Er gründete daraufhin gemeinsam mit dem in Berlin geborenen Augenarzt Ernst Freudenthal die "Maccabi Krankenkasse". Ihre Ärzte praktizierten von Zuhause aus oder in ihrer privaten Praxis, so dass Maccabi mit minimalen finanziellen Grundvoraussetzungen operieren konnte. Ende 1941 hatte die Kasse bereits 250 Mitglieder und zehn behandelnde Ärzte. Die Grundsätze der neuen Versicherung fasste Theilhaber so zusammen: "Der Jude liebt eine individuelle Behandlung und ein System, das ihm ermöglicht, den Arzt selbst zu wählen, dem er sein Vertrauen entgegenbringt, und ihn im Bedarfsfall auch zu wechseln, wenn das Vertrauen erschüttert wurde. Die Kranken haben etwas gegen das Schlangestehen und wollen nicht zu Nummern degradiert werden". Maccabi entwickelte sich rasant zu einer attraktiven Alternative, heute hat die Krankenkasse 1,8 Millionen Mitglieder. Felix Theilhaber arbeitete bis zu seinem Tod am 26. Januar 1956 als leitender Arzt bei Maccabi. Sein Sohn Adin Talbar-Theilhaber (1921-2013), der unter dem Namen Max Michael in Berlin geboren wurde, war schon als Kind bei den Sportverbänden von Bar Kochba und Makkabi sportlich aktiv. Im Erwachsenenalter setzte er sich noch vor Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel Deutschland für eine Verständigung auf sportlicher Ebene ein. 1953 gründete er die israelische Academic Sport Association (A.S.A). Dr. Theilhabers Buch "Die jüdischen Flieger im Kriege" von 1919 ist online verfügbar und wurde mehrfach in verschiedenen Sprachen neu aufgelegt. Sein Nachlass wird in der Israelischen Nationalbibliothek als Felix Theilhaber Collection aufbewahrt.
Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 293-298.
(Renate Heuer | bearb. Patrick Charell)
Veröffentlichungen von Dr. med. Felix Aron Theilhaber (Auswahl):
Zur Lehre von dem Zusammenhang der sozialen Stellung und der Rasse mit der Entstehung der Uteruscarcinome. München / Berlin 1910.
Der Untergang der deutschen Juden. Eine volkswirtschaftliche Studie. München 1911.
Beim roten Halbmond vor Tripolis: Reiseerlebnisse von einer Fahrt ins türkisch-italienische Kriegsgebiet. Köln 1912.
Das sterile Berlin. Eine volkswirtschaftliche Studie. Berlin 1913.
Die Schädigung der Rasse durch soziales und wirtschaftliches Aufsteigen, bewiesen an den Berliner Juden. Berlin 1914.
Die Juden im Weltkriege. Mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse für Deutschland. Berlin 1916.
Blätter aus dem Felde. In: Neue Jüdische Monatshefte, Jg. 1 Heft 14 (25. April 1917), S. 415-418.
Schlichte Kriegserlebnisse. Berlin 1916 (= Lamm’s Jüdische Feldbücherei 7).
Jüdische Flieger im Weltkrieg. Ein Buch der Erinnerung; Berlin 1919. 2. Aufl. Berlin 1924.
Herzl-Worte. Zusammenstellung nach Theodor Herzl. Berlin 1921.
Dein Reich komme! Ein chiliastischer Roman aus der Zeit Rembrandts und Spinozas. Berlin 1924.
Die Beschneidung. Berlin 1927.
Sittlichkeit und Strafrecht. Gegenentwurf über geschlechtliche und mit dem Geschlechtsleben in Zusammenhang stehende Handlungen. Berlin 1927.
Goethe: Sexus und Eros; Berlin-Grunewald 1929.
Blutwunder und Liebeswahn. Berlin 1929.
Schicksal und Leistung: Juden in der deutschen Forschung und Technik; Berlin 1931.
Geschichte des jüdischen Volkes. Bd. 1 u. 2. Berlin 1936.
Im Kampf um Gott, Volk und Land. Berlin 1936.
Judenschicksal. Acht Biographien; Tel Aviv o.J [um 1939].
The graphic historical atlas of Palestine. Tel Aviv 1942.
Literatur
- Renate Heuer: Felix Aron Theilhaber (1884-1956), Arzt und Statistiker des deutschen Judentums. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 293-298.
- Felix Aron Theilhaber: Jüdische Flieger im Kriege. Ein Blatt der Erinnerung. Neuauflage der Ausgabe von 1924. Norderstedt 2017.
- Felix Aaron Theilhaber: Die Juden an bayerischen Hochschulen. In: Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden Jg. 8 Nr. 2 (02.1912), S. 31.
Weiterführende Links
- Adin Theilhaber-Talbar: Felix Theilhaber: Ein engagierter deutscher Jude - Videobeitrag 2013 (Hagalil)
- Felix Aron Theilhaber (Jüdische Ärzte aus Deutschland)
- Felix Aron Theilhaber – Arzt, Soziologe und Sexualreformer (Bavaria Judaica)
- Felix Aaron Theilhaber: Die Juden an bayerischen Hochschulen (Goethe-Universität Frankfurt a.M.)
Quellen
GND: 127054944