Biografien
Menschen aus Bayern

Eugen Gottfried Galitzenstein Chemiker, Abteilungsleiter bei Wacker Chemie AG

geboren: 13.07.1882, Pötzleinsdorf (Wien)
gestorben: 03.04.1947, London

Wirkungsort: Burghausen

Eugen Galitzenstein entstammte einer jüdischen Familie und studierte Chemie in Wien. Nach dem Militärdienst arbeitete er bei Wacker Chemie in Nürnberg, konvertierte zum Protestantismus und heiratete Auguste Grün, mit der er drei Kinder hatte. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er bis 1916 an der Front und wirkte anschließend in Burghausen beim Aufbau einer Wacker-Fabrik für das kriegswichtige Aceton mit. Nach Kriegsende arbeitete er weiterhin im Werk. Nach der NS-Machtübernahme 1933 begann die Verfolgung der Familie. Galitzenstein wurde während des Novemberpogroms verhaftet, jedoch durch die Fürsprache seines Arbeitgebers nach sechs Wochen freigelassen. 1939 emigrierte die Familie nach Großbritannien. Die ehemalige "Villa Galitzenstein" in Burghausen wurde nach dem Krieg als Firmenarchiv genutzt und 2010 in einen Botanischen Garten umgewandelt.

Eugen Galitzenstein entstammte einer jüdischen Familie. Seine ELtern waren der Rechtsanwalt Dr. Leopold Galitzenstein (1851-1905) und Helene "Ettel" geb. Strasser (1860-?). Von 1900 bis 1904 studierte der junge Mann Chemie an der Universität Wien, wo er auch die Schule besucht hatte, und schloss mit einer Promotion ab. Nach seinem Militärdienst in der kaiserlich-österreichischen Armee zog er nach Nürnberg, wo er im "Consortium für elektrochemische Industrie", einer Tochtergesellschaft der Wacker Chemie AG zu arbeiten begann. Es folgte die Heirat mit Auguste Helene geb. Grün (?-1941). Aus der Ehe gingen zwei Töchter und ein Sohn hervor. Außerdem konvertierte er zum protestantischen Christentum. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Dr. Galitzenstein zunächst als Reserve-Leutnant aktiv im Felde. Auf Antrag des preußischen Kriegsministeriums wurde er jedoch 1916 nach Burghausen geschickt, um dort am Aufbau einer Wacker-Fabrik zur Herstellung des Ersatzstoffes Aceton mitzuwirken, eine Vorstufer des modernen Kunstgummis.

Nach Kriegsende 1918 blieb Galitzenstein in Burghausen und holte seine Familie nach. Er wurde Abteilungsleiter im Laboratorium III. Die Firma stellte ihm als Dienstwohnung ein Haus mit großem Garten zur Verfügung, die sogenannte "Villa Galitzenstein". Nach der NS-Machtübernahme 1933 begann die gezielte Drangsalierung der Familie. Sohn Walter wanderte in die USA aus, doch Dr. Galitzenstein blieb vorerst bei Wacker Leiter im Laboratorium III. Im Novemberpogrom 1938 kam es in der Nacht auf den zehnten November vor der "Villa Galitzenstein" zu Tumulten, am nächsten Tag wurde das Familienoberhaupt nach Dachau verschleppt. Durch den Einfluss von Johannes Hess, dem Geschäftsführer der Wacker-Werke, kam Dr. Eugen Galitzenstein nach sechs Wochen wieder frei und wanderte am 10. Juni 1939 mit Frau und Töchtern nach Großbritannien aus. Durch die Vermittlung seines ehemaligen Arbeitgebers fand er eine neue Anstellung in einem englischen Betrieb, starb jedoch zwei Jahre nach dem Sturz der NS-Diktatur.

Haus Galitzenstein auf dem Ludwigsberg diente zunächst als Werksleiterhaus, dann als Firmenarchiv der Wacker-Werke, nach einer grundlegenden Neugestaltung des Grundstücks steht das Anwesen der Öffentlichkeit seit 2010 als Botanischer Garten zur Verfügung. Vor dem Eingang des Botanischen Gartens errichtete die Stadt Burghausen eine bebilderte Informationstafel mit biografischen Angaben zu Dr. Eugen Gottfried Galitzenstein. Im Botanischen Garten selbst finden sich fünf Stolpersteine des Künstlers Gunther Demnig (*1947). Auch sie erinnern seit 2012 an das Schicksal von Eugen, Auguste, Charlotte, Irene und Walter Galitzenstein.


(Text nach der Informationstafel der Stadt Burghausen vor dem Botanischen Garten)

Literatur

  • Eugen G. Galitzenstein: Gewinnung von Eisessig aus wässeriger Essigsäure. Nachdruck in: Angewandte Chemie Bd. Nr. 27 (2006), S. 148.
  • Informationstafel der Stadt Burghausen vor dem Botanischen Garten am Ludwigsberg. Text nach dem Wackerarchiv / Stadtarchiv und Umweltamt Burghausen.

GND: 1344096166