Biografien
Menschen aus Bayern

Elisabeth "Lisi" Block Führte Tagebuch über jüdisches Leben in der NS-Zeit

geboren: 12.02.1923, Niedernburg
gestorben: 1942, unbekannt

Wirkungsort: Rosenheim

Die Familie von Elisabeth Block lebte von einer florierenden Gärtnerei, die sich auf dem eigenen Grundstück in Niedernberg befand. Seit ihrem zehnten Lebensjahr schrieb Lisi regelmäßig ein Tagebuch und schildert darin eine jüdische Familie, die sich fast vollständig in die bayerisch-katholische Mehrheitsgesellschaft assimiliert hatte. Nach dem Schulverbot für jüdische Kinder am 15. November 1938 musste Elisabeth die Schule verlassen und die "Arisierung" zwang ihre Familie, den Betrieb zu verkaufen. 1939 wurde ihr Vater Fritz Block zur Zwangsarbeit verpflichtet, während Elisabeth und ihre Schwester auf Bauernhöfen arbeiteten. Versuche der Familie Block, nach Argentinien auszuwandern, blieben letztlich erfolglos. Immer wieder erwähnen die Tagebücher die zunehmenden Einschränkungen für Juden erwähnt, wie das Tragen des Gelben Sterns. Im Frühjahr 1942 wurde Familie Block nach Polen verschleppt. Die letzten Lebenszeichen stammen aus dem Ghetto Piaski. Elisabeths Tagebuch ist ein wichtiges zeithistorisches Dokument, das anlässlich der Landesausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/89 von Prof. Manfred Treml erstmals aufgearbeitet und 1993 als Edition publiziert wurde. 

Elisabeth "Lisi" Block war das älteste Kind von Mirjam geb. Frensdorff und Dipl.-Ingenieur Fritz Block. Dieser hatte als Flieger im Ersten Weltkrieg eine schwere Kriegsverletzung erlitten und konnte daher seinen Beruf nicht mehr ausüben. Seit ungefähr 1917 wandte er sich unter dem Eindruck seiner Fronterfahrung zunehmend einem säkularen Zionismus hin. Die Mutter, die einer Hannoveraner Akademikerfamilie entstammte und wohl 1912 das Abitur machte, war seit 1920 mit Block verheiratet. Beide betätigten sich künstlerisch und kunstgewerblich. Davon lebte die Familie, sowie einer gut gehenden Gärtnerei. Beide Elternteile waren Mitglied des zionistischen Jugendbund "Weiß-Blau" und nahmen – wahrscheinlich in Palästina – an einer anderthalbjährigen landwirtschaftlichen Ausbildung teil. Am 22. Dezember 1921 erwarb Fritz Block das 2,77 Hektar große Anwesen in Niedernburg bei Rosenheim, auf dem Elisabeth aufwuchs. Mit den jüngeren Geschwistern Gertrud und Arno verstand sich Elisabeth anscheinend bestens. Seit ihrem zehnten Lebensjahr schrieb Lisi regelmäßig ein Tagebuch (innerhalb von neun Jahren sechs Bände). Sie schildert darin eine harmonische Kindheit in einer jüdischen Familie, die sich fast vollständig in die bayerisch-katholische Mehrheitsgesellschaft assimiliert hatte: Mit Ausflügen und Wanderungen, vielen Freunden, Schulfesten, katholischen Gottesdiensten und bayerischem Brauchtum, Weihnachtsfesten mit Christbaum und Weihnachtsliedern. Der jüdische Festkalender spielte hingegen im Hause Block überhaupt keine Rolle mehr. Ein Laubhüttenfest (hebr. Sukkot) erlebte sie zum Beispiel nur einmal, als sie 1928/29 ein halbes Jahr bei ihrem Onkel Leo Levy im polnischen Bad Polzin verbrachte.

Die politischen Vorgänge seit 1933 scheinen Elisabeth Block von den Eltern verheimlicht worden zu sein. Am 28. März 1934 berichtete sie begeistert – und etwas naiv – von einer Schulfeier mit "Hitlerbild und Hindenburgbild". Sie schrieb von "unser[em] Führer" (1. Mai 1934) und schilderte enthusiastisch den Propagandafilm "Triumph des Willens" von Leni Riefenstahl, der 1935 in ihrer Schule gezeigt wurde. Am 7. April 1936 wurde sie aus der Volksschule entlassen, woraufhin sie eine Nähschule und ab dem 12. April 1937 die Haustöchterschule der katholischen Schulschwestern in Rosenheim besuchte. Am 15. November 1938 verkündete die NS-Diktatur das Schulverbot für jüdische Kinder, Elisabeth Block musste die inzwischen schon gleichgeschaltete Schule verlassen: „Ich und auch Trudi und Arno (Kosenamen ihrer Geschwister) dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Mit furchtbar schwerem Herzen trennte ich mich von meinen lieben Mitschülerinnen." Mit Vertrag vom 31. Mai 1939 musste Fritz Block das Haus und den Betrieb mitsamt dem Grundstück für nur 10.000 RM verkaufen („Arisierung“). Die Familie konnte jedoch im Obergeschoss des Hauses unter beengten Bedingungen wohnen blieben. Dieses einschneidende Erlebnis bleibt im Tagebuch unberücksichtigt.

Wegen des Überfalls auf Polen am 28. August 1939 musste Elisabeth einen Urlaub in Berlin abbrechen. Nachdem bereits eine Reihe von Verwandten emigriert war, bemühte sich auch die Familie Block um ein Visum nach Argentinien. Die Grenzschließung nach Kriegsausbruch verhinderte dieses Vorhaben. Im gleichen Monat berichtete sie auch von der Ermordung eines Onkels im Novemberpogrom. Die wachsenden Einschränkungen wurden zum dominierenden Thema ihres Tagebuchs: Ihr, die als Naturliebhaberin so gerne in den Bergen wandern ging, war dies nun als Jüdin verboten. Das Tragen des Gelben Sterns belastete sie und vor allem ihren kriegsversehrten Vater.

Im Jahr 1939 wurde Fritz Block zur Zwangsarbeit im Eisenbahnbau verpflichtet, Lisi und ihre Schwester kamen als Arbeitskräfte auf Bauernhöfe der Umgebung von Rosenheim. Dort behandelte man sie zwar gut, jedoch war die Situation natürlich trotzdem ein unerträgliches Unrecht. Am 26. Oktober 1941 heißt es in Elisabeths Tagebuch: "Nur wenn ich länger nicht heimkomme, werde ich unruhig und schlimme Gedanken und Ahnungen wollen sich meiner bemächtigen; denn wie leicht könnte es sein, dass ich ein leeres Haus anträfe und ich nur noch allein Übriggebheben wäre! Es ist undenkbar grauenhaft und bedrückend. Man darf gar nicht an so etwas denken".

Im März 1942 wurden Mirjam Block und ihr Sohn Arno in das Sammellager München-Milbertshofen beordert, kurz vor Ostern folgten der Fritz Block, Gertrud und Elisabeth. Über Berlin, wo die Koffer mit den wenigen Habseligkeiten abhandenkamen, wurde die Familie mit einem Transportzug in das besetzte Polen ("Generalgouvernement") verschleppt. Aus dem Ghetto Piaski stammen die letzten beiden Postkarten der Familie, die eine ehemalige Haushälterin erreichten. Im Laufe des Jahres 1942 wurden alle Mitglieder der Familie Block in einem Vernichtungslager ermordet. 

Mit ihrem Tagebuch setzte Elisabeth Block ein bleibendes Zeichen der Erinnerung. Es wurde nach ihrer Deportation von Nachbarn aufbewahrt, gelangte später nach Israel bzw. Großbritannien. Im Rahmen von Nachforschungen für die Landesausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/89 wurde der Historiker Prof. Manfred Treml auf die Tagebücher von Elisabeth Block aufmerksam. Diese wertvollen historischen Zeitdokumente, ergänzt durch Gedichte, Fotografien und Briefe, stellte er 1993 zusammen mit Dr. Peter Miesbeck in der Publikationsreihe des Stadtarchivs Rosenheim der Öffentlichkeit vor.

In der Pfarrkirche St. Nikolaus in Rosenheim wurde zu ihrem Gedenken ein Fenster gestiftet, in ihrem Wohnort Niedernberg erinnern Stolpersteine an die einzelnen Familienmitglieder. Von der Initiative Erinnerungskultur wurde mit dem Projekt "Faces for Names" am 10. September 2021 an der Mädchenrealschule Rosenheim eine Gedenkveranstaltung für Elisabeth Block abgehalten. In Rosenheim wurde im November 2022 der Elisabeth-Block-Platz eingeweiht, der vor ihrer ehemaligen Schule liegt. Auch in Niedernburg (Gemeindeteil Prutting) ist eine Straße nach ihr benannt.


(Nach Manfred Treml)

Literatur

  • Christof Paulus: Bayerns Zeiten. Eine kulturgeschichtliche Ausleuchtung. Regensburg 2021, S. 233-235, 237 u. 239.
  • Viktor Fishman: Elisabeth Block. Die Bayerische Anne Frank. In: Europäische Janusz Korczak Akademie (Hg.): Mit Davidstern und Lederhose. Jüdische G'schichtn on Tour. S.L. 2021.
  • Marita A. Panzer / Elisabeth Plößl: Bavarias Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten. Regensburg 1997, S. 237-240.
  • Manfred Treml: Stationen einer Spurensuche. In: Haus der Bayerischen Geschichte / Historischer Verein Rosenheim (Hg.) / Peter Miesbeck / Manfred Treml: Erinnerungszeichen. Die Tagebücher der Elisabeth Block. Augsburg 1993 (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim 12), S. 13-51.

GND: 119151898