Biografien
Menschen aus Bayern

Benjamin ben Simson Wolf Heidenheim Philologe, Theologe und Verleger

geboren: 1757, Heidenheim
gestorben: 23.02.1832, Rödelheim (heute zu Frankfurt a. M.)

Wirkungsort: Frankfurt a.M. | Rödelheim | Offenbach

Der "Hebräische Klopstock" Benjamin Wolf Heidenheim gilt als bedeutender Vertreter der jüdischen Aufklärung (Haskala) und bewunderte bereits in frühen Jahren den großen Reformrabbiner Moses Mendelsohn. Nach Studien an den Jeschiwot in Fürth sowie Frankfurt a.M. lebte Heidenheim für ein Jahrzehnt in Offenbach, dann gründete er 1799 gemeinsam mit dem gelernten Drucker Baruch Baschwitz die "Privilegierte orientalische und occidentalische Buchdruckerey" zu Rödelheim. Er legte viele ältere hebräische Schriften (Religionsphilosophie, mittelalterlichen Astronomie, Naturgeschichte und Grammatik) in korrigierten und kommentierten Fassungen neu auf, um sie in einer möglichst fehlerlosen Originalform der Forschung zugänglich zu machen. Seine Arbeit sicherte ihm die bleibende Anerkennung der jüdischen und christlichen Geisteswelt. Sein "Rödelheimer Machsor" mit deutscher Übersetzung und hebräischem Kommentar erlebte bis heute über 100 Auflagen. Nach seinem Tod wurde die Druckerei vom Schwiegersohn Israel Lehrberger weitergeführt.

Benjamin ben Simson Wolf (Heidenheim), Rufname Wolf, wurde in der jüdischen Gemeinde von Heidenheim bei Würzburg geboren. Bereits in jungem Alter kam der talentierte Junge an die Jeschiwa nach Fürth, wo er unter Joseph Steinhardt und von 1777 an Hirsch Janow studierte. Neben dem Talmud studierte Heidenheim die hebräische Grammatik. Mit 25 Jahren verließ er Franken und kam zur Fortsetzung seiner Studien nach Frankfurt am Main, wo die Jeschiwa unter Rabbiner Nathan Adler (1741-1800) eine liberalere, reformorientierte Richtung vertrat. Anschließend arbeitete er unter anderem an der Edition und Übersetzung hebräischer liturgischer Texte. Dabei ging es ihm vor allem darum, die im Laufe der Jahrhunderte oft verdorbenen Texte unter Benutzung alter, teilweise mittelalterlicher Handschriften zu verbessern. Heidenheim verehrte sehr den Berliner Philosophen und Reformrabbiner Moses Mendelssohn (1729-1786), der als erstes den Pentateuch ins Deutsche übersetzt hatte. Nachdem Heidenheim 1788 geheiratet hatte, zog er für ein Jahrzehnt nach Offenbach. 1791 veröffentlichte er eine kommentierte Ausgabe der hebräisch-grammatischen Schrift "Mosnajim" von Abraham Ibn Esra, im jahr folgte eine kommentierte Ausgabe des Pentateuch (5 Bücher Mose). Erst 1798 ließ er sich in Rödelheim nieder – heute ein Vorort von Frankfurt, damals ein eigenständiger Ort mit einer wachsenden jüdischen Gemeinde im Herrschaftsbereich der Grafen von Solms-Rödelheim –, wo er zu bleibender Bekanntheit gelangen sollte.

Mit einem Privileg des Grafen Vollrath von Solms-Rödelheim gründete Wolf Heidenheim 1799 zusammen mit dem gelernten Buchdrucker Baruch Baschwitz eine Buchdruckerei (Standort heute Landstraße 174, moderner Neubau). Während sich Baschwitz in erster Linie um die praktischen Belange der Druckerei kümmerte, übernahm Heidenheim als Autor und Verleger die Verantwortung für die inhaltliche Ausrichtung des Portfolios. Als er im nächsten Jahr einen Machsor, das Gebetbuch für jüdische Festtage, herausgab, stützte er sich dabei auf historische deutsche und italienische Quellen, die bis 1258 zurückreichen. Sein Werk wurde als "Machsor Rödelheim" oder Rödelheimer Machsor bekannt und erlebte über 100 Auflagen. Später folgten weitere historisch fundierte Ausgaben eines Siddur (Gebetbuch für Wochentage und Sabbat), des Pentateuch, eine hebräische Grammatik sowie religionsphilosophische Werke. 1807 trennten sich die beiden unterschiedlichen Geschäftspartner wieder. Schon bald wurden die in der neu gegründeten Buchdruckerei hergestellten Bücher – u. a. eine wissenschaftliche Ausgabe der Festgebete mit deutscher Übersetzung weit über Rödelheim und Frankfurt, aber auch weit über Deutschland hinaus bekannt. Der Name "Privilegierte orientalische und occidentalische Buchdruckerey" machte deutlich, dass die Druckerei sowohl in der Lage war, hebräische als auch lateinische Schrift zu drucken. Heidenheims verfasste außerdem Gedichte in hebräischer und in deutscher Sprache, vor allem Oden, was ihm den Ehrentitel eines "Hebräischen Klopstock" einbrachte.

Nachdem Heidenheim noch die achte Auflage seines Machsor erlebt hatte, starb er 1832 in Rödelheim. Nach dem Weggang von Baruch Baschwitz hatte sich gezeigt, dass Wolf Heidenheim zwar ein großer Gelehrter war, aber nur wenig vom praktischen Geschäftsleben verstand. Heidenheims umfangreiche Bibliothek musste zur finanziellen Absicherung des unmündigen Kindes aus seiner zweiten Ehe versteigert werden. Seine Druckerei wurde von seinem Schwiegersohn Israel Lehrberger weitergeführt, den Heidenheim in den letzten Jahren als Teilhaber in sein Geschäft geholt hatte. Die Frankfurter Oberpostamtszeitung bezeichnete Heidenheim in einem Nachruf als "Mann, der gewiß einzig in seiner Art dastand". Er ruht auf dem jüdischen Friedhof von Rödelheim. Weil Heidenheim auch mit Protestanten, vor allem protestantischen Geistlichen, befreundet war, wurde der evangelische Gottesdienst an seinem Begräbnistag verschoben, damit auch die Mitglieder dieser Gemeinde an der Trauerfeier teilnehmen konnten. 1893 wurde der alte, beschädigte Grabstein Heidenheims bei einer Gedenkfeier durch einen neuen ersetzt.

An Wolf Heidenheim erinnert die nach ihm benannte Straße in Frankfurt-Rödelheim und die Wolf-Heidenheim-Gesellschaft. Lizenzausgaben der von Heidenheim verlegten Bücher erschienen seit 1945 beim Nachfolger des Verlags Lehrberger, dem Verlag Dr. Felix Kauffmann – Hebrew Publishing Co., in New York und später bei Victor Goldschmidt in Basel. Auf Betreiben der Internationalen Wolf-Benjamin-Heidenheim-Gesellschaft e.V. wurde 2015 ein Teil der Straße "Im Moos" in "Wolf-Heidenheim-Gasse" umbenannt und erinnert so an den jüdischen Gelehrten. Andere Projekte zur Aufarbeitung jüdischen Lebens in Heidenheim warten noch auf ihre Verwirklichung.


(nach Sabine Gruber)

Literatur

  • Paul Arnsberg: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Band 3. Biographisches Lexikon der Juden in den Bereichen: Wissenschaft, Kultur, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt am Main. Darmstadt 1983, S. 178-181.
  • Heinz Mosche Graupe: Heidenheim, Wolf. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 8 (1969), S. 248f.
  • Louis Lewin: Zum hundertsten Todestage Wolf Heidenheims. Gestorben am 23. Februar 1832. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 76 (1932), S. 1-16

GND: 122702964