Biografien
Menschen aus Bayern

Alfred Pringsheim Mathematiker und Mäzen

geboren: 02.09.1850, Oława (Ohlau)
gestorben: 25.06.1941, Zürich

Wirkungsort: München

Der deutsch-jüdische Schlesier studierte Physik und Mathematik in Berlin und Heidelberg, bevor er nach München zog. Aus seiner Ehe mit Gertrude Hedwig Anna Dohm (1855-1942) gingen fünf Kinder hervor. 1886 wurde Alfred Pringsheim außerordentlicher Professor der Mathematik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er galt als "reichster Mann Bayerns", sein Vermögen wurde auf 13 Millionen Mark beziffert. Seine Villa in der Arcisstraße 12 galt als Treffpunkt der Münchner Eliten. Thomas Mann lernte dort Pringsheims jüngste Tochter Katharina "Katja" (1883-1980) kennen und heiratete sie am 11. Februar 1905. Pringsheim bewunderte Richard Wagner und war ein begeisterter Amateurmusiker. Im Oktober 1939 floh er mit seiner Familie in die Schweiz, sah sich aber trotz des erlittenen Unrechts bis zuletzt als Deutscher.

Alfred Pringsheim wurde am 2. September 1850 in Schlesien geboren, in dem Jahr, in dem Richard Wagner sein Pamphlet „Über das Judenthum in der Musik“ zum ersten Mal veröffentlichte. Wagner war spätestens seitdem als Antisemit berüchtigt. Dennoch wandte sich der junge Pringsheim bald voller Eifer und Glut Wagner als dem Vorkämpfer einer neuen Musik zu. Pringsheim war reich geboren; sein Vater, ein erfolgreicher jüdischer Eisenbahnunternehmer, hatte ihm großen Reichtum hinterlassen. Der junge Pringsheim schwankte zunächst zwischen der Mathematik und der Musik, entschied sich dann aber für die Wissenschaft. Pringsheim besuchte das Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau. In den Fächern Musik und Mathematik war er ein hochbegabter Schüler. Ab 1868 studierte er Mathematik und Physik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1872 wurde er bei Leo Königsberger zum Doktor der Mathematik promoviert. 1875 übersiedelte er von Berlin, wo seine Eltern lebten, nach München, um sich dort 1877 zu habilitieren. 1878 heiratete er die Berliner Schauspielerin Gertrude Hedwig Anna Dohm (1855-1942), deren Mutter die bekannte Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919) war. Zusammen hatten sie die fünf Kinder: Erik (1879-1909), Peter (1881-1963), Heinz (1882-1974) und die Zwillinge Klaus (1883-1972) und Katharina ("Katja", 1883-1980) – die Kinder erhielten 1885 eine protestantische Taufe.

1879 wurde Alfred Pringsheim Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München und 1886 außerordentlicher Professor der Mathematik. 1889 bezog Pringsheim mit seiner Familie die Neo-Renaissance-Villa in der Arcisstraße 12. Das Haus wurde vom Berliner Büro Kayser & von Großheim geplant, die Inneneinrichtung kam von Joh. Wachter und Hofmöbelfabrikant O. Fritsche in München. Die Musik betrieb er zeitlebens als Dilettant im wahren Sinne des Wortes: aus Vergnügen. So schuf er mehr als nur beachtliche Klavierarrangements von Werken Wagners.

Die Bekanntheit von Pringsheim in München aber rührte vor allem von seiner Rolle als Mäzen. An der Arcisstraße unterhielten die Pringsheims ein Palais, Mittelpunkt der kulturellen Szene, und Treffpunkt der Haute Volée. Dort lernte der Schriftsteller Thomas Mann Alfreds Tochter Katharina „Katia“ Pringsheim (1883-1980) kennen, seine künftige Frau und Muse. Sie heirateten am 11. Februar 1905 standesamtlich in München. Pringsheim machte kein Hehl aus seiner Verehrung für Wagner. Er mischte sich früh, mit spitzer Feder, in die Diskussionen um den Tonsetzer ein. Und er engagierte sich in Bayreuth. Als Wagner seine Festspielpläne publik gemacht hatte, gehörte er zu den Ersten, die sich auch finanziell für diese seinerzeit vollkommen neuartige Idee engagierten. Dabei beließ er es nicht bei Geld und Worten. 1876 ließ er sich in Bayreuth in einem Wortgefecht über Wagner so provozieren, dass er einem Kontrahenten einen Krug über den Kopf zog – von dieser Episode soll Pringsheims Spitzname "Schoppenhauer" (sic!) hergerührt haben. Danach aber war er Persona non grata im Hause Wagner. Man fürchtete offenbar den Skandal um den allzu begeisterten Jünger. Pringsheim aber engagierte sich weiter für die Musik. Warum diese Verehrung, trotz Wagners Antisemitismus? Der musikalisch hoch veranlagte Pringsheim erkannte die Qualität von Wagners Musik, erachtete aber möglicherweise auch Wagners Ressentiments als an die Adresse der Juden in Osteuropa gerichtet. Pringsheim empfand sich als deutschen Bürger und selbstverständlichen Mitspieler auf dem Feld einer deutschen Kultur. Er fühlte sich überhaupt weit über umstrittenen Äußerungen des „Meisters“ aus Bayreuth stehend. Man kann auch sagen: Hedwig und Alfred Pringsheim waren Meister des Verdrängens, des Wegschauens, des Schönfärbens, so gefangen in ihrem elitären Kunstzirkel, dass sie vieles nicht mehr oder in einer eigenartigen Färbung wahrnahmen.

Der Erste Weltkrieg brachte die Zäsur. Pringsheim hatte Kriegsanleihen gezeichnet und verlor viel Geld. In den 1920er Jahren bereits musste er Teile seiner Kunstsammlung verkaufen. Man lebe von der "Wand in den Mund", sagte er mit Galgenhumor. Mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterte sich die Lage der Pringsheims rapide. 1933 nahm die NSDAP der Familie das Palais weg, um an dessen Stelle später ein Verwaltungsgebäude zu errichten. Der bereits 83 Jahre alte Alfred Pringsheim brach nach Auskunft seines Enkels Golo Mann zusammen. Es war der Beginn einer Kette von Schikanen und Demütigungen. Alfred Pringsheim durfte bald nicht mehr an der Universität lehren, wurde aus der Akademie der schönen Künste ausgeschlossen, durfte Theater und Konzerte nicht mehr besuchen. Man zog an die Maximilianstraße, dann an die Widenmayerstraße. Abschied von Deutschland? Lange kein Thema. "Lieber in Deutschland ehrlich sterben als in Kalifornien jämmerlich verderben", reimte Hedwig Pringsheim in einem Brief an ihre Tochter Katia, bezeichnenderweise in einer Anspielung auf das bayerische Motto unter der Habsburger Besatzung im Spanischen Erbfolgekrieg. Es gibt auch Zeugnisse aus der Familie, wonach die "Uralten" – so nannten sie sich nach der „Josephs“-Trilogie ihres Schwiegersohns – die Nazi-Barbarei für einen bald schon überstandenen Betriebsunfall hielten.

Erst im Oktober 1939 reisten Alfred und Hedwig Pringsheim in die Schweiz aus, nachdem die Nazis ihnen die "Reichsfluchtsteuer" abgepresst hatten – das Geld dafür hatte Pringsheim durch den Verkauf seiner berühmten Majolika-Sammlung erlöst. 800 Quadratmeter hatte das Stadtpalais in München an Wohnfläche geboten. Drei Zimmer teilte sich das Ehepaar Pringsheim nun in Zürich. Es sollte die letzte Station sein. 1941, am 25. Juni, starb Alfred Pringsheim. Die Trauerrede hielt Franz Beidler, der Neffe Wagners, als einziger in der Familie von Beginn an entschiedener Nazi-Gegner. Hedwig Pringsheim folgte ihrem Mann 13 Monate später. Wie die letzten Monate in Zürich gewesen waren? "Nun ist er wieder normal, gottlob". So hatte Hedwig das Befinden ihres Mannes nach der Emigration in einem Brief an Katia beschrieben. "Glücklich? Nein. Aber wer wäre es?".


Aus der Serie „Gesichter unseres Landes“ von der Hanns-Seidl-Stiftung.

(Michael Weiser)

Literatur

  • Alex Ross: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Hamburg 2020.
  • Karl Stankiewitz: Aus is und gar is! Wirtshäuser, Theater, Cafés, Nachtclubs und andere verlorene Orte Münchner Geselligkeit. München 2018, S. 65f.
  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 465.
  • Irmela von der Lühe: "Universitätsprofessor mit goldener Zigarettendose" oder "Man spürt nichts als Kultur" - Alfred Pringsheim. In: Udo Bermbach u.a. (Hg.): Wagnerspektrum. Schwerpunkt Jüdische Wagnerianer. Würzburg 2013, S. 97-120.
  • Elisabeth Angermaier: Eine selbstbewusste Minderheit. In: Richard Bauer / Michael Brenner: Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2006.
  • Inge und Walter Jens: Katjas Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. Reinbeck 2004.

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