geboren: 27.11.1909,
Berlin
gestorben: 11.06.1976,
Portenschmiede (Thüringer Wald)
Wirkungsort:
Berlin | Paris | Madrid | München | Ost-Berlin
Der jüdische Kabarettist und Sänger Alfred Nathan wuchs in den sogenannten „Goldenen Zwanzigern“ im linksorientierten Künstlermilieu in Berlin auf. Er musste nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nach Paris emigrieren und kam dort in Kontakt mit vielen Autoren und Künstlern, die vor dem Nazi-Regime nach Frankreich geflohen waren. 1939 wurde er verhaftet. In den französischen Internierungslagern, die er in den folgenden drei Jahren durchlitt, spendete er oft mit seinen humorvollen Liedern und Sketchen seine Leidensgenossen Momente der Freude und Hoffnung. 1942 gelang ihm die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien, wo er sich erst in Barcelona und dann in Madrid eine neue künstlerische Existenz aufbaute. Aus seiner dort geschlossenen Ehe gingen zwei Kinder hervor. 1957 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück, lebte und arbeitete erst in München und dann sehr erfolgreich unter seinem Künstlernamen "Peter Pan" in der DDR. Seine sehr erfolgreichen Soloprogrammen waren dem Ideal einer menschenwürdigen, besseren Gesellschaft gewidmet. Die letzten Jahre verbrachte er in Bernburg an der Saale.
Alfred Nathan kam 1909 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin zur Welt. Sein Vater war Schallplatten-Generalvertreter. Anlässlich der Hochzeit seiner Schwester präsentierte er als 19-Jähriger 1928 seine erste Revue vor Publikum. Daneben moderierte er Modeveranstaltungen in den Kaufhäusern eines Onkels in Berlin und veröffentlichte erste Texte in "Berlin am Morgen". 1929 reiste er nach Paris und verbuchte dort erste Erfolge als Chansonnier. Zwischen 1930 und 1932 fand er Anschluss an die sozialistische Künstlerkolonie Berlins. Nathan hatte in dieser Zeit unter anderem Auftritte im Künstler Café am Kurfürstendamm, einem In-Lokal für Kreative aller Art, außerdem im berühmten Tanz- und Vergnügungslokal "Toppkeller", eine der ersten Adressen der Homosexuellen-Szene, und im linksorientierten Kabarett "Die Wespen".
Anlässlich des Reichstagsbrands im Februar 1933 sah sich Nathan wie viele andere Berliner Künstler der linken Szene zur sofortigen Ausreise gezwungen, da auch seine Wohnung von den Nationalsozialisten verwüstet wurde. Er flüchtete nach Paris und fand Unterschlupf im Studentenviertel Quartier Latin. Um mit der ebenfalls geflüchteten polnischen Jüdin Liselotte Haendler zusammen wohnen zu können, ging er die Ehe mit ihr ein. Das Paar trennte sich 1938; 1955 erfolgte die Scheidung. In der Folgezeit schlug sich Nathan mit Gelegenheitsarbeiten durch. Durch die vielen deutschen Autoren und Künstler, die in die französische Hauptstadt damals Zuflucht suchten, entwickelte sich bald eine eigene kulturelle Szene. Nathan traf unter anderem Kurt Tucholsky, Ernst Busch und Erich Weinert. Ab 1934 lieferte er Texte für das neu gegründete Exilkabarett "Laterne" und konnte als Sänger und Kabarettist im "Chez elle", einem Pariser Nachtclub für junge Talente, auftreten. 1938 gelang seinen Eltern und seiner Schwester die Flucht nach Großbritannien.
Im September 1939 wurden unter dem neuen französischen Regierungschef Édouard Daladier viele der Exildeutschen, darunter auch Nathan, verhaftet, in notdürftige Baracken eingesperrt und zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft oder beim Straßenbau verpflichtet. Nach offizieller Begründung stellten sie nun "eine Gefährdung für die nationale Sicherheit" dar. Unter dem seit Juli 1940 regierenden, antisemitischen Vichy-Regime, das eng mit dem Hitler-Regime zusammenarbeitete, nahmen die Schikanen deutlich zu. Bis 1942 wurde Nathan in elf Internierungslager verschleppt. Es gelang ihm jedoch trotz widrigster Umstände zu überleben. Gemeinsam mit Gleichgesinnten organisierte er während dieser Gefangenschaft von Anfang an Unterhaltungsabende, für die er eine große Anzahl humoristischer Lieder verfasste, und sorgte so dafür, dass die täglichen Torturen für ihn und seine Leidensgenossen etwas erträglicher wurden. Von 1940 bis 1942 gestattete ihm der Lagerkommandant im südfranzösischen "Camp de Gurs" die Durchführung von Benefiz-Abenden und Theaterstücken in deutscher und französischer Sprache, die er zusammen mit den vielen künstlerischen Talenten, die sich unter den Gefangenen befanden, probte und aufführe. Ende Dezember 1942 gelang ihm zusammen mit einem Leidensgenossen, dem Tänzer Fred Leschnitzer die Flucht aus dem Lager über die Pyrenäen bis nach Spanien. Hinter der Grenze wurde er verhaftet, aufgrund der Unterstützung durch das JDC (American Jewish Joint Distribution Commitee) aber bald freigelassen. Die Organisation förderte seinen anschließenden Aufenthalt in Barcelona, wo er unter dem Pseudonym "Pierre Michel" als französischer Chansonnier im eleganten Nachtclub "Casa Llibre"auftrat. Im November 1943 siedelte Nathan nach Madrid um. Auch dort trat er als Sänger auf, hatte ein eigenes Orchester, gab unter anderem 1944 ein Sommerkonzert in den Gärten von El Retiro und leitete mehrere Music-Halls. 1952 brachte seine Lebensgefährtin Aurora hier den Sohn Michael Nathan zur Welt.
Wohl um den polizeilichen Nachstellungen unter Diktator Francesco Franco zu entgehen, kehrte Alfred Nathan mit seiner Familie 1957 nach Deutschland zurück und ließ sich zunächst in München nieder. Er versucht, als Autor zeitkritischer Texte in der bayerischen Landeshauptstadt Fuß zu fassen, scheitert jedoch an ängstlichen Redakteuren und dem Desinteresse des Publikums. "Die selbe klerikal-faschistische Luft, die ich bisher geatmet hatte, wehte auch durch die Straßen von München", urteilte er darüber in seinen, 1962 veröffentlichten Erinnerungen. Auf Einladung seines alten Kameraden, dem Schauspieler Ernst Busch, mit dem er in Gurs interniert gewesen war, zog er 1958 nach Ost-Berlin. Mit seiner Übersiedlung legte sich Alfred Nathan den Künstlernamen "Peter Pan" zu. Damit wollte er einerseits die literarische Gestalt des ewig jungen "Peter Pan", der mit seinen "Verlorenen Jungs" und hölzernem Schwert gegen das Böse in der Welt kämpfte, wieder auferstehen lassen und andererseits Kurt Tucholsky ehren, der zeitweise unter dem Pseudonym "Peter Panther" geschrieben hatte. Sein Sohn Michael gab 1960 an der Seite von Busch im Alter von acht Jahren am Berliner Ensemble sein Bühnendebüt in einer Aufführung von Bertolt Brechts "Leben des Galilei". Im selben Jahr trat Alfred Nathan erstmals mit seinem Soloprogramm „Gesänge hinter Stacheldraht“ auf und absolvierte mit großem Erfolg eine sechswöchige Tournee durch die DDR. 1961 kam seine Tochter Lony in Berlin zur Welt. Eine Tournee durch Kuba,die Produktion von Schallplatten und weitere erfolgreiche Soloprogramme schlossen sich an. Peter Pan betreute nebenbei auch die Kabarettgruppe der Nationalen Volksarmee. 1973 gastierte er mit "Deutschland - kein Wintermärchen" in der Bundesrepublik. Ab dieser Zeit lebte er mit seiner neuen Lebensgefährtin Dagmar Krüger in Bernburg an der Saale (Sachsen-Anhalt). Während eines Sommerurlaubs starb Alfred Nathan wenige Jahre später in Portenschmiede im Thüringer Wald. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Bernburg.
Die Mitglieder des Bernburger Kabaretts M!pört veranstalteten in Gedenken an Alfred Nathan, alias Peter Pan, anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahr 2009 einen Ehrenabend Carl-Maria-von-Weber-Theater in Bernburg.
(Christine Riedl-Valder)
Literatur
- Michael Schuster: Lachen gegen Tod und Teufel - Der Kabarettist Peter Pan. Baalberge 2020 (= Reihe: Geschichten aus Sachsen-Anhalt).
- Frithjof Trapp / Bärbel Schrader / Dieter Wenk / Ingrid Maaß: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945, Bd. 2, Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. München 1999, S. 691f.
- Gabriele Mittag: Es gibt nur Verdammte in Gurs. Literatur, Kultur und Alltag in einem südfranzösischen Internierungslager 1940 – 1942. Tübingen 1996, S. 284, 287‒289.
- Klaus Budzinski / Reinhard Hippen: Metzler-Kabarett-Lexikon. Stuttgart 1996, S. 294.
- Volker Kühn (Hg.): Deutschlands Erwachen: Kabarett unterm Hakenkreuz 1933 – 1945. Bd. 3. Weinheim 1989, S. 383.
- Werner Röder / Herbert A. Strauss (Hg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945, Bd. 2,2. München 1983, S. 885.
- Rudolf Hösch: Kabarett von Gestern. Nach zeitgenössischen Berichten, Kritiken und Erinnerungen. Berlin 1967/1972.
- Peter Pan: Lachen trotz Tod und Teufel- Gesänge hinter Stacheldraht. Kriegsnotizen eines Kabarettisten 1939 – 1945. Leipzig 1962.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 1053188927