Biografien
Menschen aus Bayern

Alfred Neumeyer Jurist, Gründer und Vorsitzender des VIKB, Vorstand der IKG München

geboren: 17.02.1867, München
gestorben: 19.12.1944, Colonia Avigdor (Argentinien)

Wirkungsort: München

Der studierte Jurist Alfred Neumeyer arbeitete als Staatsbeamter in Kempten, Landshut und Augsburg. Im Jahr 1913 verfasste er eine erste Denkschrift und regte den Zusammenschluss aller jüdischer Kultusgemeinden unter einem Dachverband an, unabhängig ihrer kultischen Ausrichtung. Unter dem Vorsitz von Alfred Neumeyer wurde am 20. April 1920 auf einer Generalversammlung aller Kultusvorstände in Nürnberg der "Verband israelitischer Kultusgemeinden in Bayern" gegründet. 1929 kam Neumeyer an das Oberste Landesgericht nach München, wo er sich auch in der Kultusgemeinde aktiv engagierte. Wegen seiner jüdischen Herkunft erteilten ihm die Nationalsozialisten 1933 Berufsverbot, 1941 musste er nach Argentinien emigrieren. Aus seiner Ehe mit Elise geb. Lebrecht (1872-1944) gingen vier Kinder hervor. Nachfahren leben heute u.a. in Israel.

Die Familie Neumeyer war mit dem Erwerb der Freizügigkeit 1861 nach München gekommen, wo Leopold Neumeyer (1828-1921) ein Engros-Geschäft für Stoffe gründete. Aus seiner Ehe mit Fanny geb. Müller (1843-1890), die in Buttenwiesen zur Welt kam, gingen zwei Söhne hervor: Alfred und Karl Alexander (1869-1941), die auch beide später eine juristische Laufbahn einschlugen.

Alfred Neumeyer wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf, seine Eltern bewohnten ein Geschäfts- und Wohnhaus in der Stadtmitte. Nach seinem Abitur am renommierten Maximiliansgymnasium studierte Alfred die Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und sammelte nach seiner Promotion als Referendar praktische Erfahrungen. Am 1. Oktober 1893 trat er seine erste Stelle bei der Staatsanwaltschaft in Kempten an. Von dort aus kam er als 3. Staatsanwaltschaft ans Landgericht in Landshut. Die fünf Jahre an diesen eher ländlichen, kleineren Ämtern waren für Dr. Alfred Neumeyer aus eigener Rückschau eine wertvolle Erfahrung, weil sie ihm Menschenkenntnis außerhalb der gewohnten sozialen Blase ermöglichten. Im Rahmen der üblichen Rotierung kam er zurück nach München, zuerst als Amtsrichter, dann als 2. Staatsanwalt und zuletzt als Landgerichtsrat.

Im Jahr 1910 wurde er als Erster Staatsanwalt nach Augsburg versetzt. Dort erfüllte er sein Amt während der schwierigen Kriegsjahre 1914-1918 und sogar während der kurzlebigen Räterepublik 1918/19. Neumeyer selbst bezeichnete diese Jahre als den Höhepunkt meiner beruflichen Laufbahn. Nach dem Sturz der Räte wurde er zurück nach München beordert und zum Oberlandesgerichtsrat befördert. Da die meisten Verwandten und Freunde in München lebten, war er über diesen Karriereschritt auch privat sehr erfreut. In den großen Sommerferien zog Familie Neumeyer auf einen Bauernhof am Tegernsee, der Alfreds persönlichem Freund Wilhelm Merck (1833-1899) gehörte.

Nach dem Vorbild seines Onkels Herman Müller, in den 1880er Jahren Vorsitzender der IKG München, engagierte sich Dr. Alfred Neumeyer für die jüdische Community. Vielleicht regte ihn seine juristische Laufbahn dazu an, einen Ausgleich zwischen den konservativ-orthodoxen und reformorientiert-liberalen Strömungen im deutschen Judentum zu suchen. Da die Kultusgemeinden in Bayern ansonsten keinen offiziellen Verband hatten, konnten sie auch nicht mit geeinter Stimme auftreten. Angesichts schrumpfender Mitgliederzahlung in fast allen Landgemeinden marginalisierten sich dadurch die Juden im öffentlichen Diskurs zunehmend selbst. Im Jahr 1913 verfasste Neumeyer eine erste Denkschrift und regte den Zusammenschluss aller jüdischer Kultusgemeinden unter einem Dachverband an, unabhängig ihrer kultischen Ausrichtung. Diesen Plan trieb er auch während der Kriegsjahre voran und konnte schließlich alle maßgeblichen Stimmen an einem Tisch versammeln: Unter dem Vorsitz von Dr. Alfred Neumeyer wurde am 20. April 1920 auf einer Generalversammlung aller Kultusvorstände in Nürnberg der "Verband israelitischer Kultusgemeinden in Bayern" gegründet. Neumeyer stand dem Verband bis zu seiner Auswanderung im Jahr 1941 vor. Er leitete auch die liberale Kultusgemeinde in München mit den rund 10.000 Mitgliedern. Sein Anwesen war so groß, dass trotz mancher sachlichen Meinungsverschiedenheit keine persönliche Opposition gegen ihn aufkam. Seine 8christlichen) Vorgesetzten im Justizdienst wussten um seine außeramtliche Tätigkeit und nahmen darauf möglichst Rücksicht.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 änderte sich das Leben für Dr. Alfred Neumeyer von Grund auf. Er wurde vom Staatsdienst suspendiert und in den Frühruhestand geschickt. Als Vorstand der Münchner Kutlusgemeinde, mehr noch als Vorsitzender des "Verbands israelitischer Gemeinden in Bayern" war er durch Augenschein und Berichte ganz unmittelbar mit der zunehmenden Entrechtung, der Drangsal und Verzweiflung seiner Mitglieder konfrontiert. Da er bereits über 70 Jahre alt war, kam er zwar nach dem Novemberpogrom 1938 nicht wie die meisten jüdischen Männer in das Konzentrationslager, musste aber nun fast allein die schwierigen Verhandlungen mit den NS-Behörden führen. Kraft schöpfte er aus seiner Verbundenheit mit der Natur und langen Wanderungen, die Neumeyer mit seiner ganzen Familie unternahm.

1938 konnte sein Sohn Alexander Karl Neumeyer mit dessen Ehefrau nach Argentinien auswandern. Noch machte Alfred Neumeyer keine Anstalt, ihnen zu folgen, denn er wollte seine Gemeinde nicht im Stich lassen. Ende 1940 teilte ihm der Konsul mit, dass er ebenfalls nach Argentinien ausreisen durfte. Als die Massendeportationen in den Osten begannen, nahm Dr. Alfred Neumeyer doch Zuflucht in Lateinamerika. Kurz nach der Goldenen Hochzeit 1943 verstarb seine Frau Fanny, die das Klima und die spartanischen Lebensbedingungen in Argentinien nicht mehr ertragen konnte. Dr. Neumeyer verfasste unter großen Schwierigkeiten seine Lebenserinnerungen, dann setzte auch bei ihm der körperliche Verfall ein. Er entschlief am 19. Dezember 1944 und ruht auf dem kleinen jüdischen Friedhof in Avigdor . Auf dem Grabstein stehen die Worte des Jeremias (22,15): "Er übte Recht und Gerechtigkeit, da war es ihm wohl, er sprach Recht dem Armen und Elendem, darum erging es ihm gut. Heißt nicht das, mich erkennen? ist des Ewigen Spruch".


Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 235-242.


(Alexander Neumeyer | bearb. Patrick Charell)

Literatur

  • Alexander Neumeyer: Alfred Neumeyer (1867-1944), Richter und Vorsitzender des Verbands Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern bis 1941. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 235-242.

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