Biografien
Menschen aus Bayern

Alfred Louis Nathan Rechtsanwalt, Philanthrop, Lyriker

geboren: 8.12.1870, Fürth
gestorben: 9.10.1922, Bad Reichenhall

Wirkungsort: Bad Reichenhall, Fürth

Alfred Louis wuchs als Spross der begüterten jüdischen Bankiersfamilie von Sigmund und Amalie Nathan in Fürth auf. Nach dem Abitur am humanistischen Gymnasium in Erlangen studierte er in München Jura und trat 1988 in den bayerischen Justizdienst ein. Sein Beruf führte ihn unter anderem nach Bad Reichenhall und München, wo er drei Jahre lang eine eigene Kanzlei betrieb. Eine Lungenerkrankung gab 1902 den Anstoß zum endgültigen Umzug nach Bad Reichenhall und zwang ihn wenig später zur Berufsaufgabe. Mit seinem großen, ererbten Vermögen finanzierte Nathan mehrere wohltätige Einrichtungen, unter anderem ein Militärerholungsheim in Bad Reichenhall und ein Wöchnerinnen- und Säuglingsheim in Fürth. Der Jurist engagierte sich auch für Kunst und Kultur und schrieb Gedichte.

Alfred Louis stammte aus der wohlhabenden Familie des jüdischen Bankiers Sigmund Nathan und dessen Frau Amalie und kam 1870 in Fürth zur Welt. Seine Eltern waren im Besitz des Bankhauses Nathan & Co in Fürth. Nach dem Besuch der städtischen Vorschule und Lateinschule wechselte er an das humanistische Gymnasium in Erlangen und studierte anschließend von 1888 bis 1893 Rechtswissenschaften in München. Nach erfolgreichem Studienabschluss trat er in den bayerischen Justizdienst ein und absolvierte ein juristisches Praktikum am Amts- und Landgericht Fürth. 1895 erhielt er die Versetzung an das Bezirksamt Bad Reichenhall. Er wechselte aber noch im gleichen Jahr zum Stadtmagistrat in München, wurde 1896 Mitarbeiter der Kanzlei des Fürther Rechtsanwaltes Gunzenhäuser und machte sich dann 1897 mit einer eigenen Kanzlei in München selbständig. Aufgrund einer Lungenerkrankung entschloss er sich im Jahr 1902, sich endgültig in Bad Reichenhall niederzulassen. Wenig später beendete er seine Berufstätigkeit. Eine Lähmung fesselte ihn in der Folgezeit an den Rollstuhl. Nathan verfasste zahlreiche lyrische Texte, in denen er sein Schicksal reflektierte und seine Verbundenheit zur Heimatstadt Fürth zum Ausdruck brachte, und übereignete mehrere Gedichtbände an Freunde und Bekannte.

Bereits 1888 hatte die Mutter nach dem frühen Tod seines begüterten Vater eine Stiftung für Bedürftige in Höhe von 40.000 Mark getätigt. Als Amalie Nathan im November 1906 verstarb, erbte Alfred ein umfangreiches Vermögen. Ganz im Sinne der Familientradition entschloss er sich, dieses Kapital für wohltätige Zwecke einzusetzen. Er selbst lebte nach Aussagen seiner Freunde äußerst bescheiden.

Nathan ließ in Bad Reichenhall ein Armenhaus errichten und spendete über 200.000 Mark für ein Militärerholungsheim mit kostenfreien Kuren für Offiziere. Zu Weihnachten organisierte er regelmäßig eine Bescherung für die armen Kinder der Stadt. Er leistete eine finanzielle Unterstützung der Knabenschule, gab Geld für den Bau der Bildstöckl-Kapelle und zahlte die Ausgaben für die 1908 oberhalb Karlsteins am Müllnerberg errichtete Aussichtskanzel Amalienruhe. 1910 stiftete er den Zentaurenbrunnen am Bahnhofplatz von Bad Reichenhall. Die von ihm gesponserte Büste des Prinzregenten Luitpold, ein Werk des berühmten Münchner Bildhauers Ferdinand von Miller d.J., die im Kurgarten aufgestellt war, wurde 1937 während der Herrschaft der Nationalsozialisten entfernt.

Auch in seiner Geburtsstadt Fürth engagierte er sich für wohltätige Zwecke. 1906 finanzierte er in Gedenken an seine Eltern Sigmund und Amalie Nathan mit 300.000 Mark den Bau eines Wöchnerinnen- und Säuglingsheims. Es wurde nach Plänen von Stadtbaurat Otto Holzer in der Tannenstraße 9 erbaut und 1909 eröffnet. Laut Stiftungsurkunde sollten hier mittellose Fürther Frauen und Mädchen die Zeit vor und nach der Geburt verbringen können. Damit wollte man die hohe Säuglingssterblichkeit bekämpfen. Die Kleinkinder sollten hier mindestens ein Jahr lang volle Pflege erhalten und die Mütter vor wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden, die durch die Schwangerschaft und Entbindung verursacht sein könnten, bewahrt werden. Drei Halbreliefs an der Eingangsfassade des Gebäudes, das seit 1967 als Schule diente, mit Darstellungen von Mutter und Kind weisen noch heute auf die soziale Funktion der Stiftung hin. Im Innern befindet sich ein repräsentatives Treppenhaus in Jugendstilformen und ein Gedächtnisraum, in dem die von dem Fürther Bildhauer Johannes Götz gefertigten Büsten des Stifters und seiner Eltern aufgestellt sind. In d er Folgezeit leisteten auch andere jüdische Bürger für das Nathanstift Spenden und Schenkungen. Dadurch konnte man die Einrichtung vergrößern und zusätzliche Sozialleistungen gewähren. Auch Alfred Nathan stiftete immer wieder hohe Geldbeträge für den Unterhalt des Heims; zuletzt 1922 eine Erbschaft über 150.000 Mark. Insgesamt schätzte man die Stiftungen und Schenkungen, die Alfred Nathan allein für Fürth leistete, auf rund 3 Millionen Mark. 

1906 verliehen die Städte Fürth und Bad Reichenhall ihrem Wohltäter die Ehrenbürgerwürde. Ein Jahr später erfolgte seine Aufnahme in die Fürther Freimaurerloge „Zur Wahrheit und Freundschaft“. 1914 hat man in seiner Wahlheimat Bad Reichenhall eine Straße nach ihm benannt. Die jüdische Abstammung Nathans nahmen die Nationalsozialisten zum Anlass, diese Straße 1933 in Friedrich-Ebert-Allee umzubenennen. Heute ist die Verbindungstrasse zwischen Traunfeld- und Paepkestraße am Rupertuspark, wo sich auch das von Nathan gestiftete Militärerholungsheim befindet, nach ihm benannt.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Frank Purrmann: Fürth. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 249-333.
  • Manfred Mümmler: Dichter, Denker, Demokraten. Die Stadt Fürth war eine Station auf ihrem Lebensweg. Siebzehn Biographien. Emskirchen 1991, S. 99-105.
  • Siegfried Ziegler: Jüdische Wohltäter in Fürth. In: Werner Heymann (Hg.): Kleeblatt und Davidstern. Aus 400 Jahren jüdischer Vergangenheit in Fürth. Emskirchen 1990, S. 200-213, 205-207.
  • Horst Künzel: Alfred Nathan in seinen Gedichten. In: Werner Heymann (Hg.): Kleeblatt und Davidstern. Aus 400 Jahren jüdischer Vergangenheit in Fürth. Emskirchen 1990, S. 173-185.
  • Adolf Schwammberger: Fürth von A bis Z. Ein Geschichtslexikon, Fürth 1967
  • Adolf Schwammberger: Fünfzig Jahre Nathanstift, in: Fürther Heimatblätter, Neue Folge, 9. Jg. Nr. 6 (1959), S. 269-271.

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