Der gebürtige Franke Alfred Abraham Gerngroß machte in Wien als Geschäftsmann Karriere. In den Jahren um 1900 war er Eigentümer des größten Warenhauses in der Kaiserstadt. Er führte eine Reihe von erfolgreichen Modernisierungen im Handel ein und galt bei seinen Zeitgenossen als vorbildlicher Arbeitgeber. Der 1904 eröffnete Neubau seines Warenhauses Gerngroß in der Mariahilfer Straße in Wien verkörperte in perfekter Form Prunk und Eleganz der Großkaufhäuser, die seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas errichtet wurden. Die Familie Gerngroß wurde seit 1932, schon vor dem Anschluss Österreichs, von den Nationalsozialisten scharf attackiert und ihr Unternehmen 1938 enteignet.
Alfred Abraham entstammte der jüdischen Familie von Moses Gerngroß, der ab 1822 im Besitz eines Schutzbriefes in der Gemeinde Forth war, und dessen Ehefrau Mina Maile (geborene Hartknopf). Er kam am 31.12.1844 in Forth zur Welt. Der Ort entwickelte sich damals - nicht zuletzt aufgrund der Aktivitäten der jüdischen Gemeinde - zu einem bedeutenden Handelszentrum im Erlanger Oberland. Alfred Gerngroß startete seine Berufstätigkeit als Handelsreisender. In Frankfurt heiratete er am 1. März 1872 die dort ansässige Emma Elisabeth Sichel (1852–1920). Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor. Die Familie übersiedelte in der Folgezeit nach Wien. Gerngroß arbeitete anfangs als kaufmännischer Angestellter bei August Herzmansky, einem Einwanderer aus Mähren, der seit 1863 ein Textilgeschäft in der Kirchengasse führte. 1879 gründete Gerngroß in der Mariahilfer Straße 48, das an der Ecke zur Kirchengasse lag, einen eigenen Tuchladen. Die folgenden zwei Jahre arbeitete er noch mit Herzmansky zusammen, bevor die Trennung vom einstigen Arbeitgeber erfolgte und man in Konkurrenz zueinander trat.
Die Firma, die Alfred mit seinem nachgezogenen jüngeren Bruder Hugo (1837–1929) ab 1881 betrieb, expandierte schnell. Ein Grund dafür war die Entwicklung der Mariahilfer Straße zur hoch frequentierten Geschäftsstraße in Wien. Die Unternehmer kauften in rascher Folge dreizehn umliegender Häuser im 6. und 7. Bezirk (Mariahilfer Straße 38-46, Lindengasse 17-21, Kirchengasse 2-6, Münzwardeingasse 9) .Dadurch konnte die Familie Gerngroß die Verkaufsfläche ihres Geschäfts ständig vergrößern. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihnen in mehreren Etappen Wiens größtes Warenhaus aufzubauen. Ab 1902 entstand in der Mariahilfer Straße ein prunkvoller Neubau in Jugendstilformen. Das neue Gerngroß-Warenhaus, geplant durch die Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer (Büro Fellner und Helmer, Wien), wurde 1904 feierlich eröffnet. Es handelte sich um einen fünfstöckigen Bau in moderner Betonständerkonstruktion mit einem lichtdurchfluteten, glasüberdachten Innenhof, einer prunkvollen inneren Freitreppenanlage (der Goldenen Stiege) und fünf Aufzugsanlagen. Daneben gab es darin auch eine der ersten Rolltreppen Europas, die auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 publik gemacht worden waren. Im vierten und fünften Obergeschoss befanden sich ein kunstvoller Wintergarten, eine Konditorei, ein Schreib- und Lesezimmer, eine Arztpraxis und Büros. Die Metall-Glas-Außenfassade war ein Werk von Fellners Sohn Ferdinand.
Die Brüder Gerngroß führten erfolgreich einige geschäftliche Neuerungen und moderne Marketinginstrumente ein. Beispielsweise setzten sie in ihrem Warenhaus Fixpreise durch. Es war nämlich damals noch üblich, dass man in den Geschäften, ähnlich wie heute noch auf manchen Märkten, regelmäßig um den Preis gefeilscht hat. Gleichzeitig lockte man die Kundschaft nun mit Sonderangeboten und anderen zeitlich begrenzten Verkaufsaktionen. Neben seiner Wohnung im 7. Bezirk (Zieglergasse 2) besaßen Alfred Gerngroß und seine Familie eine Villa in Hadersdorf; heimatberechtigt waren sie in Weikersdorf bei Baden.
1908 starb Alfred Abraham Gerngroß. Er wurde auf dem alten jüdischen Friedhof des Wiener Zentralfriedhofs (Tor I, Gruppe 51/1/40) bestattet. Das Vermögen, das er hinterließ, belief sich auf rund 4 Millionen Goldkronen. In einem Nachruf stellte die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung von Wien in einem Artikel vom 8. Januar 1908 die besondere sozialpolitische Aufgeschlossenheit des Unternehmers heraus.
Zwei seiner vier Söhne wurden bereits zu seinen Lebzeiten Gesellschafter des Unternehmens, das 1911 in eine AG umgewandelt wurde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte das Gerngroß-Kaufhaus seine Blütezeit mit mehr als 1.600 Beschäftigten. Bereits seit Anfang der 1930er Jahre wurde es jedoch zum Ziel nationalsozialistischer Anschläge; 1938 hat man das Kaufhaus zwangsweise "arisiert". Die Familie Gerngroß emigrierte nach Uruguay. 1947 kehrte Paul Gerngroß (1880-1954) nach Wien zurück und übernahm wieder die Geschäftsführung. Nach seinem Tod erfolgten bis heute zahlreiche Eigentümerwechsel. Ab 1964 wurde das alte Kaufhausgebäude durch einen Neubau ersetzt, der in der Folgezeit weiteren Neugestaltungen Platz machte.
(Christine Riedl-Valder)
Literatur
- Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Forth. In: Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Nürnberg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßlerm Lindenberg im Allgäu 2010, S. 249-265.
- Patricia Steines: Hunderttausend Steine. Grabstellen großer Österreicher jüdischer Konfession auf dem Wiener Zentralfriedhof, Tor I und Tor IV. Wien 1993, S. 93f.
- Bernward Deneke (Hg.): AK Siehe, der Stein schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Eine Ausstellung vom Germanischen Nationalmuseum und Haus der Bayerischen Geschichte im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 1988/1989. Nürnberg 1988, S. 399f.
Weiterführende Links
Quellen
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